Glück?

Bundesadler

#842 Wir nähern uns dem 25. Jahrestag der deutschen Einheit. Vielfach ist vom „Glück“ dieser Entwicklung zu hören. Hier gilt es, mit dem Wort vorsichtig zu sein. Es mag ein Glück gewesen sein, daß es dazu kam, aber kein Glück im Sinne eines Zufalls.

So fein und differenziert die deutsche Sprache ist: auch sie hat ihre Grenzen. Etwa dann, wenn „Macht“ sowohl power als auch control ausdrückt, also sozusagen die helle und die dunkle Seite der Macht in einem Wort zusammenfaßt. Oder wenn „Glück“ eben sowohl die Erfreulichkeit eines Umstands als auch die Zufälligkeit desselben bezeichnet.

Da sitzen im prächtigen Hirsvogelsaal Schüler zweier Gymnasien beieinander und einige Herrschaften jenseits der 50; sie lauschen Menschen, die „damals“ dabei waren, als die Menschen demonstrierten, die Mauer schliffen, das Unrechtssystem der „DDR“ stürzten und diesen „Staat“ abschafften. Für die einen ist es eine Reise zurück in die Vergangenheit, in die Zeit, als sie noch jung und stark waren und die Welt aus den Angeln hoben, für die anderen ist es tatsächlich: Geschichtsunterricht.

Während die einen noch genau wissen, wie sie die Bilder von langen Trabi-Schlangen nicht nur an den Grenzkontrollstellen, sondern auch in der (damals als Student) Erlanger Innenstadt sahen, wie Milchprodukte im Supermarkt plötzlich vergriffen waren, wie – kein Spaß – plötzlich Bananen selten wurden, wie die Rathäuser sonntags öffneten, um (eine Besonderheit für „DDR“-Bürger) das „Begrüßungsgeld“ von 100 DM auszuzahlen – lernen die anderen das tatsächlich im Geschichtsunterricht. So ist das eben, wenn man älter wird.

Diese Entwicklung kam einerseits deswegen zustande, weil die Menschen „drüben“ dieses üble System stürzten, das heute unter dem Tarnnamen „Die Linke“ versucht, wieder mitzumachen. Damals unter dem wahren Namen SED war es mit seiner Unterdrückungswut, seinem Struktur gewordenen Unrecht am Ende und keiner hätte wohl dieses lange Nachleben als untote politische Sektierergruppe für möglich gehalten.

Diese Entwicklung kam aber andererseits zustande, weil Menschen wie der vor 100 Jahren geborene Franz Josef Strauß und Helmut Kohl an der Einheit als Ziel festhielten. Sie kam, weil Ronald Reagan, George Bush, Margaret Thatcher und François Mitterand und natürlich Michail Gorbatschow dazu beitrugen, auch wenn sie es zum Teil erst kritisch sahen. Man soll nicht vergessen, daß Werte wichtiger sind als pragmatisches Verhalten um des kurzfristigen Vorteils willen und daß Strategie etwas anderes ist als Taktik.

Wir verdanken Franz Josef Strauß und anderen viel – auch wenn sie im einzelnen fehlerhafte Menschen in ihrem Widerspruch gewesen sind. Auf letzteres kommt es nicht an; auf ersteres schon. Gute, große Entwicklungen sind ein Glück. Aber es ist nicht Glück im Sinne des Zufalls, daß es dazu kam, sondern das Werk geduldiger, harter Zielstrebigkeit.

Advertisements