Herbst

© Freud
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#841 Nach der Revolution in Bayern 1919 verfügte die bayerische Sowjetregierung, daß auf der ersten Seite der Zeitungen keine Politik, sondern daß dort Gedichte stehen sollten. Wie stets, wenn Sowjets etwas machen, ging das daneben. Wer sollte auch eine Zeitung lesen wollen, die ihn mit Gedichten traktierte? Die liest man doch um der Politik willen!

Aber ab und an darf eine Ausnahme sein. Heute ist Herbstbeginn. Auch wenn viele Menschen vielleicht aufgrund des unrunden Datums der 21 lieber auf den angeblichen meteorologischen Herbstanfang am 1. September abstellen, so ist es doch der 21. (oder 22. oder 23.), der die Tag- und Nachtgleiche hat, also das Aequinoctium. Und aus diesem Anlaß ist einmal Zeit für ein Gedicht:

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl

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