Die hohe Kunst

#838 Politik ist die Kunst des Machbaren, sagen die einen, Otto von Bismarck zitierend. Man soll bei ihr Ziele haben, aber keine „Visionen“, sonst schickt einen der Geist von Herbert Wehner zum Arzt. Und so geht es munter weiter: Ein jeder hat so seine Erwartungen an die Politik und an die Politiker.

Nun ist es mit Erwartungshaltungen so eine Sache. Einmal abgesehen davon, daß sie eigentlich nur dazu gut sind, enttäuscht zu werden: machmal sind sie auch nicht wirklich weit gedacht.

Wenn ein Preis für den Einsatz um die bayerische Kultur vergeben wird, und dabei Preisträger aus dem Bereich X gefunden werden und heuer keiner aus dem Bereich Y, dann wittern manche Unrat: Geht das mit rechten Dingen zu? War das vielleicht keine inhaltliche Entscheidung, sondern eine politische? Drängt Oberbayern uns Franken an den Rand? Dürfen wir überhaupt noch im Freistaat mitreden? Derlei ist freilich Quark der Vollfettstufe: Unsinn par excellence.

Eigentlich sollte man den zuständigen Minister loben. Er heißt Söder, Markus, Doktor, und ist jemand, der das Engagement würdigt und der deswegen nicht vorrangig auf die Provenienz des Preisträgers achten kann. Und soll: Wir wollen ja nicht, daß es ein „regional ausgewogen und jede Region Bayerns gleich berücksichtigender Preis“ wird, der dann, bitteschön, nur in zehnfacher Ausfertigung verliehen werden darf: sieben für die sieben Regierungsbezirke, und je einer für die drei größten Städte München, Augsburg und Nürnberg (um sie mal von Süden nach Norden gereiht zu nennen, bevor mir jemand vorwirft, daß ich Augsburg vor Nürnberg genannt habe).

Aber loben – damit tut sich die eine oder andere Zeitung recht schwer. Es ist schon einmal gesagt worden: Wenn Markus Söder über’s Wasser gingen können, schrieben sie in ihrer Zeitung: „Markus Söder kann nicht schwimmen!“

Wer ihn am gestrigen Montagabend bei „hart aber fair“ im Fernsehen sah, kann doch wohl kaum anders als ziemlich angetan zu sein von dem, was er da sagte und wie er es sagte. Lassen wir mal die nicht so wirklich klugen Sprüche des Herrn Stegner weg, von dem ich immer wieder nicht so richtig weiß, warum die SPD ihn zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden machen konnte:

Er war staatstragend, also verantwortungsbewußt für die res publica. Er war nachdenklich und abwägend, nicht impulsiv und heftig. Da, wo andere Theorien von sich gaben, aber nichts sagten, was im wirklichen Leben weiter hilft, blieb er realistisch und verweigerte sich dem recht kollektiven Ausflug ins ideologisierte Wünschdirwasland.

Es ist schon beachtlich, daß gerade jene, die nur auf ein Reizwort warten, um in oft schreiende Kritik auszubrechen, selbst solche Dinge als Vorwurf gebrauchen, die ihnen eigentlich ziemlich gleichgültig sind. Da tut eine Zeitung so, als sei sie um Markus Söder und sein Ansehen in Franken besorgt – dabei tut sie ziemlich viel, um dieses Ansehen nicht in den Himmel wachsen zu lassen. Natürlich geht es ihr nicht wirklich darum – sondern vielmehr darum, einen Punkt für das Anbringen ihrer Kritik zu finden. Aber ach: zu kurz gesprungen. Wer sich anschickt, für ganz Bayern Verantwortung zu übernehmen, darf sich nicht nur für einen Landstrich einsetzen, sondern muß alle bayerischen Gegenden als gleichermaßen wichtig behandeln. Nicht in jeder Einzelentscheidung muß der Proporz sichtbar werden; dies wäre gar nicht möglich und führte auch zu einer unsinnigen Sublimation von Politik. Das wäre eher die Karikatur von Politik, wenn alles durch die Schablone „es muß allen passen“ gepreßt werden würde. Die Zeitung hat sich auch nicht damit befaßt, welche Gründe für die Verleihung der Preise relevant waren. Das alles ist ihr gleichgültig; man erkennt die Absicht, vor allem negativ berichten zu wollen. Gerade aus landsmannschaftlichen Gründen ist das dann wiederum etwas widersprüchlich, wenn die gleiche Zeitung schon etwas stolz auf den Schlacks aus der Weststadt ist, der inzwischen auch aus dem ach so mächtigen Oberbayern politische Unterstützung bekommt.

Letzteres verwundert nicht sehr. Was viel eher verwundert, ist die Tatsache, daß die eine oder andere Zeitung immer noch glaubt, daran mit der einen oder anderen Kritikasterei etwas zu ändern. Das ist so fernab jeder Realität, daß man schon sagen möchte: goldig.

Er geht seinen Weg, und ob das einer hiesigen Zeitung paßt, ist vielleicht nicht ganz so wichtig, wie sie glaubt. Zum Glück.

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