Kinder und Demokratie

Kind in Nord-Korea mit Blumen vor dem Denkmal zweier Kims
Kind in Nord-Korea mit Blumen vor dem Denkmal zweier Kims

#834 Ohne besonderer Zuneigung für den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder verdächtig zu sein, gibt es ein geflügeltes Wort von ihm, das gelungen ist: „so Gedöns“.

Die Nürnberger Nachrichten verdienen wohl den diesjährigen Sonderpreis für „so Gedöns“: Am 07.09.2015 druckten sie den angeblichen Leserbrief einer Elfjährigen ab, der mit dem ganz und gar unglaubwürdig von einer Elfjährigen geschriebenen Satz beginnt: „Wir Kinder und Jugendlichen machen uns große Sorgen, denn die Zukunft zu verlieren, ist nicht wie eine Wahlkampfniederlage, sondern es betrifft die jetzige und alle folgenden Generationen.“

Mal abgesehen vom Schwurbeldeutsch: das schreibt keine Elfjährige. Es ist auch mit unsinnigen Worthülsen vollgestopft: es macht sich angeblich „große Sorgen“ – warum nicht einfach nur Sorgen? Weniger ist mehr. Es vermag eine verächtliche Demokratieschmähung („…ist nicht wie eine Wahlkampfniederlage…“) mit einem Blick in die Ewigkeit zu verknüpfen: „alle künftigen Generationen“. Es verwechselt Fühlen mit Denken. Das Kind, das klischeegerecht einen Doppelnamen als Nachnamen trägt, hat vermutlich von dem Leserbrief weniger mitbekommen als vom Dinkelkeks, für den es für den Mißbrauch seines Namens entlohnt wurde.

Eltern, die ihr Kind für solche politische Zwecke wie den eines Leserbriefs instrumentalisieren, gehören mit zehn Jahren Aberkennung des Wahlrechts bestraft. Es ist ja vor allem für Diktaturen kennzeichnend, daß Kinder benutzt werden, um deren angeblichen Willen und deren angebliche Zustimmung zur Diktatur zu behaupten. Beispiele siehe oben.

Das ist aber nicht nur den Eltern dieses armen Kindes vorzuwerfen: das ist auch den Nürnberger Nachrichten vorzuwerfen. Wie kann man als verantwortungsbewußtes Blatt so einem Winkelzug Öffentlichkeit verschaffen?

Das gleiche Blatt hat gerade in seiner Online-Version die Regeln für die Identifizierung der Menschen hinter den Leserbriefen verstärkt. Richtig so: in der Demokratie und im Rechtsstaat kann man im Allgemeinen mit seinem Namen für seine Meinung stehen. Aber den Leserbrief, den angeblich eine Elfjährige geschrieben hat, den druckt die Zeitung ab?

Das wird noch mit Absurditäten wie „nur wir Kinder bemerken das“ angereichert. Es werden dümmliche Sätze gesagt wie „[Die folgenden Generationen] werden Angst haben zu atmen, denn sie wissen nicht, wie viele Chemikalien in der Luft enthalten sind“. Dumm deswegen, weil die Luft ja nur aus Chemikalien besteht: Stickstoff, Sauerstoff, Argon, Kohlenstoffdioxid… Aber für Menschen, die einen Leserbrief ihrem unschuldigen Kind unterjubeln wollen, ist „Chemikalie“ wohl ein böses Teufelszeug. Das hat zwar nichts mit der Wirklichkeit zu tun, aber fühlt sich so schön kuschelig an.

In wohl jedem Staat der Erde gibt es eine Volljährigkeit. Darunter wird man vom Gesetz nicht verachtet, sondern geschützt. Geschützt zum Beispiel vor Eltern, die einen als Meinungsschutzschild zweckentfremden. Und es gibt klare Regeln. Der Bundespräsident etwa muß 40 Jahre alte sein. Zum Erwerb von Spirituosen muß man 18 sein. Und um in richtige Casinos zu dürfen, muß man sogar 21 sein. Auch gibt es für das Anmieten von Autos Altersbeschränkungen. Einem 18jährigen vermietet etwa Sixt im Allgemeinen keinen Porsche.

Es gibt ein Jugendschutzgesetz. Das dient nicht dazu, Kinder kleinzuhalten, sondern dazu, wie der Name schon sagt, sie zu schützen. Wenn Eltern ihre Kinder als Botschafter von Unvernunft, anit-aufklärerischem Wichtigtuereigehabe und Emotionalisierung einer politischen Frage vorschützen, dann hat eine Tageszeitung dem entgegenzutreten und bei solcher billigen Posse nicht auch noch mitzuwirken. Das tut man nicht.

Advertisements