Der tägliche Unsinn

#832 Es gäbe genug zu schreiben. Etwa über jenen verhinderten Clyde (von Bonny und Clyde), der aus seiner Wohnung am Nürnberger Maxfeld so geschickt vor der Polizei floh, nämlich durch einen Sprung aus dem ersten Stock, daß er sich beide Beine brach. Der Richter war vom Selbstbehauptungswillen so beeindruckt, daß er den Haftbefehl außer Vollzug setzte: sitzt Clyde doch seither mit zwei gebrochenen Beinen im Rollstuhl. Ob er durch seine Schmerzensrufe die in die Wohnung eindringenden Polizisten herbei rief und dadurch auf seine hotnochpeinliche Situation erst aufmerksam machte?

So oder so: Ob der Haftbefehl nun vollstreckt wird oder vorerst nicht, ist ziemlich egal. Dem Clyde dürfte die Situation dermaßen peinlich sein, daß er nicht mal in die nächste Eckkneipe auf ein Pils möchte. Und überhaupt, wie soll er das denn gegenwärtig machen? Er wohnt doch im ersten Stock…

Oder man nehme beispielsweise die Berichterstattung über die Flüchtlinge. Es ist oft so, und dies ist ein Beispiel dafür, daß die (deutsche) Politik durchaus recht schnell verantwortungsbewußt handelt. Aber natürlich kommt es hierbei auch auf eine gemeinsame Politik aller EU-Staaten an. Es kann nicht sein, daß sich irgend jemand für nicht zuständig erklärt und hinzufügt, daß wir lieber nicht mit ihnen rechnen sollten. So nicht! Europa ist keine Reisegemeinschaft auf All-Inclusive-Urlaub, die man mal eben so aufkündigt, wenn es etwas zu tun gibt, und dann gleichzeitig weiterführen will, wenn’s Geld zu verteilen gibt. Hier gilt es, klare Worte zu sagen und klares Verhalten einzufordern.

Es hat auch durchaus einen gewissen Witz, wenn in München auf der Ludwigstraße – deren Königstraße, wenn man so will – Landwirte mit Kuhglocken gegen den Milchpreisverfall demonstrieren und die Schweiz gegenwärtig über die Abschaffung von Kuhglocken – warum auch immer – diskutiert.

Heute wäre da auch noch jene dpa-Spitzenjournalistin zu nennen, die von der „lustigen Seite der DDR“ schwadroniert und für die diese ganze Diktatur ein ungeheurer Jux gewesen zu sein scheint. Manche Menschen haben einen derart tollen Weitblick, daß sie den Zug erst bemerken, wenn er über ihnen ist.

Die DDR war etwa so lustig wie ein Selbstschußapparat SM-701 oder eine Zelle in Bautzen. Merke: Nicht, ob in einem Lande auch gelacht wurde, ist kennzeichnend, sondern wie sehr unter dem Staat gelitten wurde. Eine auch nur annähernde Gleichsetzung ist unanständig. „Die lustigen Seiten der DDR…“: Welch präpotentes Geschwätz.

Aber derzeit überschlagen sich die Zeitungen mit nicht gerade realitätsnahen Beschwörungen einer Art Weltgemeinschaft (die es so nicht gibt), und nun warten wir erst einmal ab, bis sich der schwüle Dampf der Aufregung negativer und positiver Art gelegt hat und einem nüchternen, Probleme und Chancen fair benennenden Berichtswesen Platz gemacht hat. Die öffentliche Diskussion ist schon gar nicht von jenem geifernden, haßerfüllten Pöbel zu bestimmen, und auch nicht von jenen jedes Problem wegreden wollenden guten Menschen, sondern von jenen, die guten Willens sind, die reale Probleme benennen („Herausforderungen“) und Chancen erkennen, die nicht in einem furchtbaren Land von Haß und Ablehnung leben und doch selbst oft genug nur zu bedauern sind, aber eben auch nicht in einem Land, in dem man reale Schwierigkeiten nicht mehr beim Namen nennen dürfte. Also: in dem die Realisten die Debatte prägen. Und das sind im Allgemeinen wer? Eben: die von der Union.

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