Das neueste Schaulaufen im Netz

#830 Das Netz hat scheinbar einen neuen Aufreger. Der SPIEGEL-Kommentator „Lobo“schlug bei der Fernsehsendung von Maybrit Illner vor, die Flüchtlinge und Asylsuchenden „Vertriebene“ zu nennen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte daraufhin zu ihm: „Ich hoffe, Sie meinen es nicht so bös‘, aber es ist eine Beleidigung der Vertriebenen, der wirklich damals vor 70 Jahren Vertriebenen, die in diesen Kontext zu stellen“.

Seither grassiert in Deutschland die Aufregung. Hysterie ersetzt Nüchternheit, Gesinnungsethik ersetzt Verantwortungsethik, Fühlen ersetzt Denken. Das Dumme daran ist nur: Mit alldem kommt man nicht weiter, sondern läuft gegen die Wand. Garantiert.

Die vielleicht wichtigste Fähigkeit des Menschen ist es, zu unterscheiden. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen mit Begeisterung auf diese Fähigkeit verzichten – und auch noch stolz darauf sind.

Zum einen ist festzustellen, daß die, die wir mit dem Wort „Vertriebene“ bezeichnen, tatsächlich vertrieben wurden. Da klopfte es an die Tür ihres Hauses, und ihnen wurde verkündet, daß sie in ein oder zwei Stunden zu verschwinden haben, sonst würde sie erschossen. Diese Menschen sind im Sinne des Wortes Ver-trie-be-ne.

Die Menschen, über die derzeit viel gesprochen wird, sind Flüchtlinge. Sie wurde nicht vertrieben. Sie entschieden sich selbst zur Flucht.

Sind deswegen die einen oder die anderen besser oder schlechter? Natürlich nicht. Aber da ist noch ein zweites.

Die Vertriebenen hatten einen realen Bezug zu Deutschland oder zum „k. u. k.“-Österreich. Sie sprachen deutsch; sie sahen sich als Deutsche und wurden von ihren Nachbarn als ethnische Deutsche gesehen. Das war und ist ihnen wichtig; es war auch der Grund für ihre Vertreibung: Sie waren die, die wegen der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. In merkwürdiger Parallelität der Ereignisse fanden sie sich mit den Überlebenden, besonders mit den jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager oft in jenem Land vereint, das für ihr Schicksal als „displaced person“, wie das damals hieß, verantwortlich war. Aber das war nicht mehr dieses Land, das sie auf Flucht und Wanderschaft schickte (wenn es sie denn am Leben ließ). Es war ein neues Land, es war ein neuer Staat, der bald mit dem Grundgesetz eine Verfassung von, das darf man wohl sagen, höchster Qualität erhielt.

In dieser Verfassung ist vom Grundrecht auf Asyl die Rede. Und das sollen diejenigen auch erhalten, die es brauchen. Aber da darf man schon hinsehen: Braucht jemand Asyl oder nicht? Bei einem, der vor Krieg und Mord aus Syrien oder Libyen flieht, kann man die Frage wohl schnell beantworten: Ja. Bei einem, der vor würdelosen Lebensumständen in einem vielleicht gar europäischen Land flieht: wohl eher nicht. Wir sparen dieses Recht für jene auf, die gegen ihren Willen flohen, um ihr Leben zu retten. Nur jene sind Asylsuchende – aber jene sind es auch tatsächlich und bedürfen der Unterstützung.

Freilich nicht im Sinne eines Geschenks und einer Alimentierung; Asyl ist ein Recht. Aber natürlich eines, das verpflichtet. Es verpflichtet dazu, die Regeln zu akzeptieren. Damit ist keine hündische Unterwerfung gemeint, sondern ein normales, von jedem gleich zu erwartendes Halten der Gesetze. Eine Mitarbeit, wenn sie möglich ist. Ein Benimm, der – freilich wenn bekannt –, sozial kompatibel ist.

Indem man vorschlägt, von ziemlich weit links, die Flüchtlinge „Vertriebene“ zu nennen, setzt man beide Gruppen gleich; und das sind sie nicht. Man spricht den Vertriebenen nicht nur ab, daß sie im wörtlichen Sinne vertrieben wurde; man spricht ihnen auch ihre ethnische Verwurzelung in Deutschland oder Österreich ab. Das mag Herrmann mit „beleidigen“ gemeint haben. Geschickt? Das war es vielleicht nicht, aber es war natürlich nicht das, als was es von Süddeutscher Zeitung & Co. jetzt dramatisiert wird.

Die ach so guten Menschen wollen gut sein und besorgen doch das Geschäft derer, die sie vorgeblich bekämpfen wollen. Am guten Willen auch der konservativen Politiker in Deutschland und in Bayern gibt es nichts zu zweifeln. Indem man sie sprachlich mit den böswilligen Herrschaften von Rechtsaußen in einen Topf zu werfen versucht und damit die Nachdenklichkeit, die Differenzierung verhindern möchte und alles mit einem guten Gefühl in Rot zukleistern will, besorgt man genau das Geschäft derer, die nicht gut sind für dieses Land.

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