Im Telegrammstil

Fahrkartenschalter im Kommunikationsmuseum – © Freud
Fahrkartenschalter im Kommunikationsmuseum – © Freud

#829 Die Nürnberger Zeitung weiß heute zu vermelden, daß die Post das gute, alte Telegramm wiederbeleben will. Das Telegramm? Das war eine reine Textbotschaft, die bundes-, ja: weltweit übertragen werden konnte.

Im aufnehmenden Postamt – später konnte man Telegramme auch telefonisch aufgeben; bezahlt wurde dann über die Telefonrechnung – wurde der Text gesichtet und nötigenfalls auch korrigiert. Zumindest also der Postbeamte (ja, ja: ein Beamter) sah den Text, aber natürlich war er verschwiegen. Unanständigkeiten wurden nicht per Telegramm verschickt.

Bezahlt wurde bei Telegrammen nach Wörtern; nicht nach Silben, wie viele falsch glauben. Man schrieb daher nicht „Komme 20 Uhr an“, sondern „Ankomme 20 Uhr“; das war billiger – obwohl es natürlich gleich viele Silben sind, aber weniger Worte. Ein etwas chaotisches Abrechnungssystem, das zu einer merkwürdigen Sprache führte, will man heute meinen. Es hatte aber auch mit der Internationalität und Fremdsprachigkeit des Telegrammverkehrs zu tun.

Das Telegramm gab es als gewöhnliches Telegramm, das „Brieftelegramm“ genannt wurde. Es wurde einem auch nur während der üblichen Zeiten zugestellt, mit der normalen Post.

Es war anfangs, in den 1920er Jahren, so häufig, daß man sogar eine eigene Preiskategorie für „Ortstelegramme“ hatte.

Besonders war das Blitztelegramm: Das bekam man rund um die Uhr. Da fuhr vom Hauptpostamt ein VW Käfer los, meiner Erinnerung nach ein grauer – kein gelber, also von der „Funk-Post“, nicht von der Briefpost. Am Steuer ein Beamter, der dann das Telegramm, das in einem dünnen, gelblichen Umschlag steckte, zu jeder Tages- und Nachtzeit überbrachte.

Meist waren es keine guten, sondern schlechte Nachrichten, die per Telegramm überbracht wurden. Etwa wenn jemand starb. Oder wenn man im Ausland beraubt wurde und Hilfe von zuhause brauchte. Aber vielleicht auch, wenn ein Kind geboren wurde und man jemanden eilig davon unterrichten wollte. Schon wegen der Kosten sandte niemand ein Telegramm ohne Not; schon eine kurze Mitteilung als „Blitz“ konnte leicht 20 oder 30 DM kosten.

Die wenigen Telegramme, die der normale Mensch erhielt, wurden dann auch aufgehoben. Vielleicht, weil die Nachricht eine besonders schlechte oder gute war, eine nicht alltägliche Nachricht. Aber auch, weil das Telegramm an und für sich etwas besonderes war.

So. Dies alles festgestellt habend, stellt sich doch die Frage, warum wir das heute nicht mehr so machen. Der Satz „Was nichts kostet, wird nicht wertgeschätzt“, bekommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung.

Der Goethe, Johann Wolfgang, schrieb einmal als Postscriptum an die Empfängerin eines längeren Briefes die Bitte um Entschuldigung; er habe „keine Zeit“ für einen kurzen Brief gehabt. Der nämlich kostet oft mehr Zeit als langes, langweiliges und undurchdachtes Geschwurbel.

Indem man dafür bezahlen muß, und zwar ordentlich, überlegt sich jeder gut, bevor er ein Telegramm aufgibt.

Das hat unter anderem zur Folge, daß man von überflüssigen Botschaften, von SPAM, von dümmlicher Werbung und Blödsinn aller Art á la „Judy mein Name, ich suche Mann dich vertrauensvoll und achte family und Kultur“, verschont wird.

Zum anderen hat es zur Folge, daß wir nicht in einer Flut von irrelevantem Unsinn erstickten, sondern nur noch wichtige Nachrichten erhielten. Es wäre der beste SPAM-Filter aller Zeiten.

Dennoch ist eine wahre Renaissance des Telegramms nicht anzunehmen. Schon alleine der Umstand, daß zwangsläufig Dritte mitlesen, ist nicht gerade werbend. Freilich: Man könnte Telegramme verschlüsseln und scheinbar unsinnigen Text telegrafieren, aber das würde so gut funktionieren wie verschlüsselte eMails: Faktisch quasi gar nicht.

Es ist also eine hübsche Idee der Post, und vielleicht gibt es einen kleinen Markt dafür. Aber an einen großen Schritt in die Richtung der überlegten Kommunikation vermag ich nicht zu glauben. Jetzt aber schließe ich, denn ich muß meine eMails machen.

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