Wirklichkeit

#826 Im Lauf der Zeit sammelt sich allerhand Unordnung an, und deswegen ist es nötig, daß man ab und zu aufräumt. Das gilt nicht nur in den eigenen vier Wänden, das gilt auch bei öffentlichen Diskussionen, dem – wie es so schön heißt – Diskurs.

Immer wieder, mit ermüdender Eintönigkeit, geht es darum, Klumpatsch zu entfernen, der einfach nicht stimmt und lediglich eine Schimäre, ein Trugbild darstellt.

Es ist beispielsweise – von beiden Seiten – vieles einfach nicht wahr, was in der öffentlichen Debatten immer wieder zu hören ist. Beispiel Flüchtlinge: Daß wir Flüchtlinge aufnehmen und wie viele Flüchtlinge unsere Gesellschaft aufnehmen will, hat mit dem Fachkräftemangel in Deutschland nichts zu tun. Erstens wird teilweise bestritten, daß es ihn überhaupt gibt, den vielbeschworenen Fachkräftemangel. Und zweites wird der natürlich durch Flüchtlinge quasi nicht bedient. Diese Menschen flüchten in aller Regel nicht mit einem Diplom als Ingenieur oder einer Ausbildung zum Altenpfleger. Das soll man niemandem vorwerfen – die vielen, vielen Millionen, die nach 1945 durch Europa irrten, bis sie eine Bleibe fanden, die dann zu ihrer Heimat wurde (und sie zum Bestandteil ihrer neuen Heimat) hatten auch oft nichts entsprechendes zu bieten.

Es hat trotzdem geklappt, weil alle begierig auf die Errungenschaften eines Lebens in Freiheit und Würde waren, weil sie teil hatten am zunehmenden Wohlstand. Es bringt nichts, wenn man diese Selbstverständlichkeiten in der Debatte nicht berücksichtigt. Und es bringt auch nichts, wenn man den Ausdruck „Völkerwanderung“ verpönen will. Eine Million etwa in einem Jahr alleine nach Deutschland – ist das keine Völkerwanderung?

Man muß die Welt realistisch sehen, sonst können Lösungen nur in etwa so oft gelingen, wie ein auf einem Klavier herumturnender Affe zufällig ein Klavierkonzert von Beethoven zustande bringt. Das ist dann manchmal nicht ganz so eidschibumbeidschi, wie unsere hauptberuflichen Schönredner das gerne hätten, aber es führt zu einer realistischen Antwort. Und die gab mal wieder die CSU:

  1. Hilfe und Solidarität denen, die als Flüchtlinge zu uns kommen
  2. Erschweren des Mißbrauchs durch diejenigen, die keine Flüchtlinge sind
  3. Bekämpfen der Fluchtursachen vor Ort

Die Menschen, die als Flüchtlinge kommen, sollen wir aufnehmen und zu ihnen solidarisch sein. Nicht mehr als zu anderen, aber eben auch nicht weniger.

Wir können nicht alle aufnehmen. Wer nicht nach den Regeln als Flüchtling anerkannt wird, muß das akzeptieren. Dadurch stärken wir in der Gesellschaft die Hilfsbereitschaft. Die Rede ist nicht von denen, die ohnehin die Herausforderung annehmen und sich engagieren; die Rede ist von der breiten Masse, die Flüchtlinge allenfalls aus dem Fernseher kennt und hilflos da steht, wenn sie einem begegnet.

Wir müssen aber auch die Fluchtursachen vor Ort bekämpfen – und dies mit aller Deutlichkeit. Wir haben diese immense Fluchtbewegung deshalb, weil der „arabische Frühling“ bei weitem nicht das hielt, was sich manche blauäugig davon versprachen. Wir müssen uns auch vorsehen, damit die dortigen Konflikte nicht hierher kommen. Und wir dürfe uns auch nicht für doof verkaufen lassen: Der im Zug Thalys nach Paris durch GIs in Zivil niedergerungene Attentäter wollte eigener Behauptung nach keine Morde begehen, sondern bloß einen Raub, um sich Essen zu kaufen; die Kalaschnikow hätte er am Bahnhof in Brüssel gefunden, und alles sein bloß ein großes Mißverständnis.

Und wieder wird es Menschen geben, die derlei zu glauben bereit sind, und eben dies sind die Narren der heutigen Zeit. Was sie an Wähnen und Glauben mitbringen, was sie an Vermutungen zu Wirklichkeit erklären wollen, ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Realitätssinn ist eines der wichtigsten Werkzeuge guter Politik.

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