Scham

#825 Zuweilen ist es schwer, die gefühlte Unerträglichkeit eines Vorganges zu überwinden, um sich zu einer durchdachten Position vorzuarbeiten.

Aus eben diesem Grunde wurde seinerzeit in der Armee Friedrichs des Großen die „preußische Nacht“ eingeführt: wenn einer meinte, einen anderen anzeigen zu müssen, dann durfte er das tun, aber nicht am selben Tag. Wenn man einmal darüber schläft, sieht man die Dinge oft anderes und oft klarer. So kommt es zu weitaus weniger Anzeigen; aber die, die dann noch gestellt werden, sind fundiert.

Der Aufmarsch des Pöbels in mehreren Orten und im Internet ist auch dann, wenn eine Nacht des die Emotionen beruhigenden und den Intellekt in sein Recht vorlassenden Schlafs hinter einem liegt, nur und nichts anderes als ein Grund für Scham.

Wer sind sie denn, diese dahergelaufenen Gröler, die selbst oft genug nichts anderes sind als die Kinder oder Kindeskinder von Flüchtlingen? Damals mögen sie „Vertriebene“ geheißen haben oder „displaced persons“, aber im Grunde waren sie dasselbe. Das macht sie weder besser noch schlechter, aber: sie sollen es nicht vergessen.

Natürlich kann man immer mit guten und mit weniger guten Argumenten darüber streiten, wie man es richtig macht und wie nicht, ob man genug macht oder zu wenig. Es gibt einen Bereich, in dem man in ordentlich demokratischer Manier verschiedener Ansicht sein kann, zufrieden oder unzufrieden sein kann.

Es gibt aber auch eine Art, die nicht hinnehmbar ist. Es geht nicht an, wenn sich ein Mob die Herrschaft über die Straße anmaßt. Das ist weder in Berlin am 1. Mai zu dulden noch bei einem Fußballspiel noch zu einem anderen Datum anderswo. Hier geht es nicht darum, den gewaltbereiten Pöbel miteinander zu vergleichen und Gleichartiges sowie Unterschiede herauszuarbeiten; hier geht es um etwas ganz einfaches: Bei uns hat nur der Staat das Recht zur Gewalt (und auch er nur unter engen Voraussetzungen). Niemand sonst.

Nun haben auch Meinungen bei aller Meinungsfreiheit eine Grenze; der Verfassungsrechtler wird hier von der „Schranke“ des Grundrechts sprechen und der „Schranken-Schranke“: Ein Grundrecht endet dort, wo es die Grundrechte anderer berührt, und darf entsprechend beschränkt werden, aber niemals in seinem Kernbereich. Und das gilt in verschärfter Weise für das allererste Grundrecht: die Würde des Menschen.

Es mag sich jeder so würdelos verhalten, wie er will. Aber niemand darf das Recht geltend machen, andere ihrer Würde berauben zu dürfen.

Natürlich darf man der Meinung sein, daß die Bereitschaft, bei irgendeinem Thema, egal welchem, die Menschen genügend in Anspruch genommen worden sind und mehr nicht geht. Der Meinung kann man sein oder auch nicht. Was aber nicht geht, das ist, voller Haß und Menschenverachtung mit Zeichen, Symbolen und abfälligen Haßpredigten anderen Menschen ihr Menschsein abzusprechen.

Wer meint, in dieser ohnehin nervenaufreibenden Debatte ein „anything goes“ zu vertreten, mag blöd sein. Wer aber meint, hier völkische, nationalsozialistische, verbrecherische Inhalte unter die Menschen bringen zu können, der ist nicht nur blöd und im Irrtum. Man muß diesen Menschen in aller, in der Tat in aller Deutlichkeit sagen, daß das Manifestieren solcher Meinungen, also etwa das Angreifen von Unterkünften, verbrecherisch ist.

Diese Zeitgenossen, die sich selbst häufig genug als „gute Deutsche“ wahrnehmen, sind Grund genug, sich als Deutscher für sie zu schämen.

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