Versuch und Irrtum

Fragebogen zur Volkszählung 1987 – Public Domain
Fragebogen zur Volkszählung 1987 – Public Domain

#821 Mensch zu sein, ist ein Lehrberuf. Wie im Dunkeln tasten wir uns voran. Zuweilen schreiten wir mutig voran und müssen plötzlich erkennen, auf dem Holzweg zu sein.

Der Holzweg ist ein Weg im Wald, der so aussieht, als führte er irgendwo hin. Aber das tut er nicht: Er führt nur zu einigen Bäumen, die gefällt werden. Er ist eine Sackgasse. Und wer eben auf dem Holzweg ist, der kommt nirgendwo hin.

Es ist nicht nur richtig, daß man dann umkehrt: Es ist nötig. Das Verlaufen, das Verirren, der falsche Weg – das alles ist gar nicht schlimm. Wem passierte das nicht? Eben dafür reden wir ja miteinander, argumentieren, streiten – „streiten“ nicht im Sinne einer groben, ad hominem geführten Auseinandersetzung, sondern im Sinne des Abwägens der Argumente, im Sinne des Überzeugens.

Freilich, es gib (Sub-) Kulturen, in denen darf man nicht anderer Meinung sein. Etwa in den 1980er Jahren gab es ein solches Soziotop vor allem im damaligen KOMM, dem zum „Kommunikationszentrum“ gewandelten ehemaligen Künstlerhaus am Anfang der Königstraße nahe beim Bahnhof. Dorthin luden öfters irgendwelche Gruppen, etwa zu Themen wie „Der Hausbesetzer: ein moderner Revolutionär“, oder „Die Volkszählung: Unterdrückung durch die Mächtigen“ und anderer Zinnober mehr. Das war so spannend wie öde. Spannend für die, die das veranstalteten, und öde für den großen, großen Rest. Wirklich witzig aber war, daß bei diesen Veranstaltungen regelmäßig auch zur Diskussion eingeladen wurde. Vielleicht war diese Offenheit eine damalige Auflage der Stadt; ich weiß es nicht.

Diskussion? Aber wehe, wenn einer eine andere Meinung hatte als die von den Veranstaltern vertretene! Wehe, wenn einer die Meinung vertrat, daß die Zukunft auch ohne Hausbesetzungen gemeistert werden kann. Oder wenn einer die Volkszählung 1987 – nach heutigen Maßstäben ein Nichts – nimmt: Gnade dem, der das nicht für einen Versuch, das System von „1984“ von George Orwell umzusetzen.

Man kann sich das heute nicht mehr wirklich vorstellen, aber es gab damals ernsthafte – ernsthafte! – Versuche, eine üble Diktatur kommen zu sehen, weil anonym ein paar harmlose Fragen gestellt werden, die wahrscheinlich weniger über den einzelnen verrieten, als es heute irgend eine Online-Registrierung tut.

Diese Subkulturen, die mit unzulässigen Druckmitteln versuchen, sich zu behaupten, zeigen schon durch die Wahl ihrer Mittel, daß sie hilflos sind, wenn es darum geht, sich durch ihre Argumente zu behaupten.

Das gilt etwa bei der aktuellen Debatte um Flüchtlinge, Asylsuchende und Zuwanderer. Auf beiden – beiden! – Seiten gibt es welche, die zu rigoros argumentieren, die es an Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen, an Realitätssinn fehlen lassen. Wir dürfen uns weder vor den Problemen der Welt selbstsüchtig verschließen noch dürfen wir glauben, wir könnten schwuppdiwupp aus der Welt einen friedlichen Ort machen. Im Rahmen der Möglichkeiten sollen und wollen wir helfen, aber dabei dürfen wir nicht zulassen, daß die Konflikte aus einem fernen Teil der Welt plötzlich zu unseren Konflikten werden. Die Bereitschaft zu helfen darf nicht durch übermäßige Inanspruchnahme aufgezehrt werden. Es sollen auch keine Kindereien in die Welt gesetzt werden, die nicht und niemals stimmen: Weder von den einen, noch von den anderen.

Es gilt, Augenmaß zu behalten. Und Irrtümer zu erkennen. Meist ist noch Zeit und Gelegenheit, sie zu korrigieren. So versteht sich auch dieser Blog: Nicht als Ex-cathedra-Verkünder ewiger Wahrheiten, sondern als Meinungsplattform, als Organ subjektiver Wahrheiten. Und das ist doch auch etwas Schönes.

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