Inkompetenzerkennungskompetenz

Innenminister Joachim Herrmann – © Freud
Innenminister Joachim Herrmann – © Freud

#820 Wenn man von etwas spricht, was man nicht kennt, dann ist das ein Problem. Die so umschriebene Inkompetenzerkenungskompetenz trägt im wirklichen Leben den Namen „Dunning-Kruger-Effekt“ und ist unter diesem auch bei Wikipedia oder sonstwo nachzuschlagen.

Jeder von uns kennt das: Irgend jemand hat von einem Thema ganz gewiß gar keine Ahnung, und der trötet dafür aber um so lauter. Gleichzeitig erkennt er denen, die Ahnung haben, ihre Kompetenz ab.

Das ist, wie wenn man einem Arzt gegenüber Kartenlegen als Therapie bei einem Beinbruch vorschlagen möchte, und wenn der Arzt daraufhin irritiert schaut, ihm seine ärztliche Kompetenz absprechen will.

Sie glauben, derlei gibt es nicht? Derlei gibt es zuhauf. Nicht nur bei Fragen von Wissen und Bildung wie im obigen Beispiel, sondern auch bei Fragen politischer Natur. Der bayerische Innenminister Herrmann beispielsweise hat den Vorschlag gemacht, daß man Asylbewerbern aus sicheren Herkunftsländern Sozialleistungen nicht unbedingt in Form von Bargeld, sondern in Form von Sachleistungen geben sollte.

Wenn hier rund 100 € monatlich als Bargeld ausgegeben werden, um damit bestimmte Ausgaben zu bestreiten, dann ist das für uns kein großes Geld. Aber für jemanden, der beispielsweise aus Bulgarien Serbien hierher kommt, schon. Der gibt hier keinen Cent davon aus, spart, und wenn er zurück nach Bulgarien Serbien geschickt wird – weil er hier kein Asyl bekommt –, dann reicht ihm dieses Geld lange zum Leben.

Dem Bulgaren Serben kann ich dieses Verhalten nicht vorwerfen. Jeder schaut, wo er bleibt. Und wenn es aus der Sicht eines durchschnittlichen Bulgaren Serben leichter ist, in Deutschland einige Monate lang dieses Taschengeld abzuholen, als in Bulgarien Serbien selbst wirtschaftlich auf die Füße zu kommen – wer wollte ihm das vorwerfen?

Nach einigen Monaten werden sie wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt. Ein halbes Jahr später stehen sie wieder in Zirndorf vor dem Tor der Zentralen Aufnahmeeinrichtung des BAMF. Und so Jahr für Jahr für Jahr immer weiter.

Damit ist dem individuellen Taschengeldbezieher geholfen, aber sonst niemandem. Hierzulande vergrößert er die Kosten der Asylverfahren enorm und reduziert solcherart die Akzeptanz in der Masse der Bevölkerung. Freilich, wer einen solchen Asylbewerber ohne Asylgrund nur aus dem Fernsehen kennt, der weiß damit nichts anzufangen. Wer aber diese Menschen täglich sieht, wer sich nicht in Anspruch genommen, sondern unfair ausgenutzt fühlt, der hat da einen anderen Blick.

Paradoxerweise ist das Ganze nicht nur unfair, wenn man die Hilfsbereitschaft, die notwenige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung hier berücksichtigt. Es ist auch dann unfair, wenn man auf die Herkunftsländer sieht. Es sind oft die Stärkeren, die Schlaueren, die auf die Reise geschickt werden. Oft muß eine ganze Familie zusammenlegen, um dem hoffnungsvollsten Sproß die Reise zu ermöglichen.

Aber wer bleibt dann zurück? Und wer geht? Oft genug gehen gerade die, die für den Aufbau vor Ort gebraucht werden. Und hier sind sie mangels Ausbildung, mangels Sprachkenntnissen, mangels Möglichkeiten, selbst aus eigener Kraft ihren Unterhalt zu bestreiten, ohne jede Chance.

Es ist eine schwierige Sachlage, weil man es dabei mit Menschen, mit ihren Biografien zu tun hat und nicht mit abstrakten Vorgängen. Es ist eine schwierige Sachlage, weil diese Menschen ja nicht kommen, obwohl es ihnen anderswo zu gut ginge. Das alles darf man nicht aus dem Blick verlieren.

Gleichzeitig aber darf man und muß man die Interessen der deutschen, der bayerischen Bevölkerung vertreten. Und da hat der bayerischen Innenminister Joachim Herrmann vorgeschlagen, daß man Leistungen, die der Staat anständigerweise gibt und die wir alle bezahlen, nicht in Form von Bargeld gibt – weswegen viele jedes Jahr zu uns kommen und dafür, aus ihrer Sicht, entlohnt werden –, sondern in Form von Sachleistungen, die nur hier abgerufen werden können, die also im sicheren Herkunftsland wertlos sind.

Und das wird in den Nürnberger Nachrichten von heute im Kommentar auf S. 2 als „Verstoß gegen die Menschenwürde“ bezeichnet. Pardon – aber käme ich mittellos als Hilfesuchender in ein anderes Land, und würde man mir dort beispielsweise kein Geld geben, um einen U-Bahn-Fahrschein zu kaufen, sondern den Fahrschein selbst – würde ich mich da beschweren?

Würde ich von „Verstoß gegen die Menschenwürde“ reden?

Man muß schon auch realistisch bleiben. Ein Verstoß gegen die Menschenwürde sieht anders aus und kann in einem Grundgesetzkommentar nachgelesen werden. Es ist damit laut Bundesverfassungsgericht jener Wert- und Achtungsanspruch gemeint, der dem Menschen kraft seines Menschseins zukommt, unabhängig von seinen Eigenschaften, seinem körperlichen oder geistigen Zustand, seinen Leistungen oder seinem sozialen Status. Die Menschenwürde ist – so das Bundesverfassungsgericht – oberster Grundwert und Wurzel aller Grundrechte. Bei Maunz und Dürig, den relaventesten Verfassungsrechtlern und Grundgesetzkommentatoren unserer Zeit, steht an zentraler Stelle in ihrem Grundgesetzkommentar auch noch: „Trotz des kategorialen Würdeanspruchs aller Menschen sind Art und Maß des Würdeschutzes für Differenzierungen durchaus offen, die den konkreten Umständen Rechnung tragen“.

Wir lassen niemanden hungern. Wir lassen niemanden ohne ärztliche Versorgung. Es hat ein jeder eine warme, saubere Unterkunft. Aber niemandes Menschenwürde wird beeinträchtigt, wenn er Leistungen unsere Staates, die er aufgrund der Tatsache, daß er sich unter einem aussichtslosen Asylgesuch hier aufhält, nicht in Form von Bargeld, sondern in Form von Sachleistungen erhält.

Herrmann schlägt lediglich vor, daß wir damit aufhören, in sicheren Herkunftsländern Werbung dafür zu machen, daß wir monatelang Gehälter verschenken. Das ist kein „Verstoß gegen die Menschenwürde“. Herrmann übrigens, der Jurist ist, weiß, wovon er spricht.

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