A la longue: Von der Bürgerlichkeit als Wert

Markus Söder auf der Kaiserburg – © Freud
Markus Söder auf der Kaiserburg – © Freud

#818 Wer jung ist, hält von all dem Zinnober nicht so viel, den die anderen in Ehren halten. Das ist normal. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen, was zu seiner Jugend etwas war, was ihn nicht interessierte – auch, um den Älteren zu zeigen, daß sie von gestern seien, während man selbst eher der Typ von morgen sei.

Vergangenheit gegen Zukunft: das alte Spiel um die Frage, wer die Deutungshoheit habe. Ist ein Museum ein spannender Ort oder ein Hort der gepflegten Langeweile? Verweist eine alte Inschrift auf einer alten, kaum Autos tragenden Brücke auf die reichsstädtische Vergangenheit der Noris, oder ist sie nur ein Nachweis der Tatsache, daß das alles aus der Zeit gefallen sei?

Es wäre nicht klug, den jugendlichen Stürmern und Drängern keinen Raum zu geben. Sonst würden wir vielleicht die Stadttore immer noch bei Einbruch der Dunkelheit schließen, damit kein Fremder hinein käme. Aber zugleich stellt sich so mit der Zeit heraus, was denn wirklich wert und wichtig ist, erhalten zu werden und beachtet zu werden.

Die Kaiserburg ist etwas, was auf uns gekommen ist, bei dem vermutlich auch die Stürmischsten und Drängendsten anerkennen, daß sie als wesentlicher Bestandteil der Identität Nürnbergs, als identitätsstiftendes Topos über der Stadt thront und zugleich etwas von dem ist, auf dem die Stadt errichtet wurde. Allzu viele Winkel sind es ja nicht mehr, und viele Ecken sind bereits zwischen den Städten, auch zwischen Nürnberg und Castrop-Rauxel, austauschbar geworden. Da ist es gut, da tut es gut, wenn da noch einzigartige Wahrzeichen sind. „Wahrzeichen“ übrigens ist ein Wort, über das einmal nachzudenken sich lohnt.

Nun hat eine Umfrage ergeben, daß die Kaiserburg eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands sei. Nun kann man über den Wert oder Unwert solcher Umfragen lange diskutieren. Wenn der „Europapark Rust“ auf Platz eins dieser Liste steht, dann ist das vielleicht nicht so sehr ein Zeichen dafür, daß die Liste übermäßig ernstzunehmen sei. Andererseits aber: auch auf eine solche Liste muß man es erst einmal schaffen.

Und da zeigt sich wieder, daß die Menschen, und zwar Menschen allen Alters, ein Bedürfnis nach Identitätsstiftung haben. Die Kaiserburg eben ist die über der Noris thronende Burg des Kaisers, und sie steht nicht nur in früherer Werbung für „Schutz und Sicherheit“. Da mögen noch viele Burgen in dem Gebiet, das einmal das Heilige Römische Reich (später mit dem Zusatz „der Deutschen Nation“) war, Burgen den Kaisers gewesen sein: aber überall unter diesem Namen bekannt ist nur eine, nämlich unsere.

Sie unterliegt übrigens der Zuständigkeit eines bayerischen Ministers in seiner Eigenschaft als oberster Hüter der bayerischen Schlösser, Gärten und Seen. Und das ist der, wie es richtig heißt, „Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat“: Markus Söder. In Nürnberg wissen wir, wie sehr er sich für den Erhalt, für die gute Erscheinung der Kaiserburg einsetzt. Das Verjüngungsprogramm, das derzeit umgesetzt wird, der Maria-Sibylla-Merian-Garten, die Ausstellung „Kaiser-Reich-Stadt“, die Burgnacht auf der Kaiserburg, Diskussionsveranstaltungen etwa wie auf dem obenstehenden Bild mit dem amerikanischen Botschafter John B. Emerson (wegen einer Knieoperation im Rollstuhl, hinten im Bild) zu TTIP und CETA: Er macht etwas daraus. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Goethe war schon wahrlich ein Großer.

Wichtig ist, daß das „alte Gerümpel“ eben nicht als Ballast ferner Zeiten verstanden wird, sondern als etwas, was uns notwendig ist, was uns erst zu dem macht, was wir sind. Markus Söder macht vor, wie das geht, und qualifiziert sich nicht nur dadurch für weitere Aufgaben.

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