Hitzefrei

Blick aus dem Großen Saal im Rathaus am Fünferplatz – © Freud
Blick aus dem Großen Saal im Rathaus am Fünferplatz – © Freud

#817 Ach, war das schön: Kurz vor 11 Uhr pflegte Herr Köhler, der Vater des heutigen Personalreferenten der Stadt Nürnberg und seines Zeichens Direktor des Melanchthon-Gymnasiums, dienstlich auf’s Thermometer zu schauen. Zeigte es mehr als 28 °C an, dann gab es ab 12 Uhr hitzefrei; waren es mehr als 30 °C, dann war sofort hitzefrei.

Dieses Wort hatte einen gar süßen Klang, es stand für eine Mischung aus Schwänzen ohne schlechtes Gewissen und Ferien, es war ein ohne Leistung errungenes Privileg.

Und heute? Heute gibt einem niemand hitzefrei. Stattdessen kaufe man sich einen Eimer, fülle ihn mit kaltem Wasser und stelle die Füße hinein. Hilft auch. Taugt zwar nicht so gut, um damit einen Stadtbummel zu machen, aber man muß Kompromisse eingehen. Überhaupt, der Kompromiß als solcher ist ein Wesensmerkmal nicht nur so edler Dinge wie der Demokratie, sondern auch schlicht ein Resultat des Älterwerdens. Nun ist das aber mit dem Kompromiß so eine Sache. Wenn einer mit seinem Eimer voller kalten Wassers an diesem heutigen, wohl heißesten Tag des Jahres, in sein Lieblingscafé ginge, um solcherart gekühlt bei einem Espresso neue Kraft zu schöpfen, dann wäre das nicht wirklich sozialkompatibel.

Also bleibt nichts als es durchzustehen und abzuwarten. Abzuwarten, bis der kleine italienische Laden nach dem Sommerurlaub wieder öffnet. Abzuwarten, bis morgen endlich, endlich wieder ein wenig Regen fällt und die Temperaturen nicht mehr dieses schwer erträgliche Maß erreichen. Dann stellt sich auch die Frage nicht mehr, ob man mit dem kühlenden Wassereimer ins Café geht, ob man heute den schwarzen oder den blauen Eimer nimmt: Dann ist es überwunden.

Und kaum ist diese Gluthitze vorüber, kaum kann man wieder wenigstens abends ein Sakko tragen, ohne davonzufließen, schon werden die Stimmen derer zu hören sein, die von dem ach so wundervollen Sommer schwärmen.

Nun reagiert jeder auf Temperaturen anders. Dem einen ist’s bei 30 °C schon zu heiß, dem anderen erst bei 50 °C. Der Mensch ist verschieden. „Manduca, iam coctum est“ – „Iß, es ist schon gekocht“, soll ein christlicher Heiliger im dritten Jahrhundert seinem Mörder zugerufen haben, der ihn wortwörtlich grillte. So schlimm ist es wahrlich nicht, aber zu heiß ist und bleibt zu heiß. Wollen wir hoffen, daß es nach dem heutigen Tag est einmal sein Bewenden mit diesen für viele doch widrigen Umständen hat.

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