„Nürnberg kann keine Plätze“

Nürnberg, Hauptmarkt – © Freud
Nürnberg, Hauptmarkt – © Freud

#816 Die Aussage im Titel dieses Beitrages stammt von einer in Nürnberg auch und gerade in der Sozialdemokratie angesehenen Frau: Ingrid Mielenz. Die langjährige Sozialreferentin der Stadt Nürnberg ist gebürtige Berlinerin, hat also etwas Großstadt mitbekommen, und ihre Aussage über Nürnbergs Plätze läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Ob der unglaublich verhunzte Friedrich-Ebert-Platz – man sehe sich Bilder noch aus den 80ern an! –, ob der triste Nelson-Mandela-Platz, ob der nicht nur häßliche, sondern auch funktionsuntüchtige Bahnhofsvorplatz, ob der Rathenauplatz mit seinem Charme eines Autobahnkreuzes: Wahr, wahr, wahr – Nürnberg kann keine Plätze.

Einen Platz aber haben wir, da hängt der Nürnberger dran wie an seinem Seelenheil: der Hauptmarkt. Viele Menschen glauben, er sei mittelalterlich. Gerade einmal ein Gebäude – das mit der vermutlich gerade einmal drittgrößten Front zum Hauptmarkt – ist mittelalterlich; alles andere ist Dutzendware, die nach dem Krieg halt mal eben so hochgezogen wurde. In jenen Jahren hatte Architektur bei uns offensichtlich weniger Bedeutung als Drei im Weggla, so derartig lieblos wurde das zusammengeschustert, ohne Plan, ohne Ziel, einfach nur hingestellt und fertig.

Der Nürnberger an sich wird böse, wenn man am Hauptmarkt etwas ändern will, obwohl er meistens doch nur eine wüste Ödnis ist, zu der niemand hin will, sondern über die man nur hinfort will. Menschen treffen sich nicht am Hauptmarkt. Sie treffen sich bei Franco oder unterm Ochs oder bei Starbucks oder auch Provenza – aber nicht auf dem Hauptmarkt. Der Platz hat die Aufenthaltsqualität eines Exerzierplatzes.

Aber er ist groß und rechteckig. Grund genug für manche, ihn zum Eventdingens zu machen. Da wurde neulich eine Tribüne aufgebaut, als wollte man die Massen fassen: Weitsprung-Weltmeisterschaft! Naja, oder deutsche Meisterschaft. Weitsprung! Weitsprung! Eine der spannendsten Disziplinen der Leichtathletik.

Millionen sitzen zuhause an den Geräten, nur der Bewohner der Noris ist fein heraus und hat das Glück, dieses Weltereignis live und in Farbe am Hauptmarkt bestaunen zu dürfen. Menschen. Menschen springen. Menschen springen weit. Potztausend!

Dauernd erzählt man den Nürnbergern, das Stadion müsse so bleiben, wie es ist – mit Tartan-Bahn und so –, und könne kein reines Fußballstadion werden – und wenn wir dann mal einen angeblichen „Leichtathletik-Event“ in der Stadt haben, dann findet er nicht dort, sondern am Hauptmarkt statt. Völlig logisch.

Es ist, als ob die Geschichte den Atem anhält. Weitsprung in Nürnberg! Juchu! Da machen wir den Hauptmarkt aber gerne zur Billig-Event-Location. Was kommt beim nächsten Mal? Die fränkische Meisterschaft in Mikado? Oder im Pfahlsitzen?

Nein, viel besser: Beach-Volleyball. Mußten die meist recht ansehnlichen Halbnackedeis vor einigen Jahren noch am Weißen Turm so tun, als gingen sie einem „Sport“ nach, so dürfen sie das jetzt am Hauptmarkt tun. Der ist, scheint’s, sonst für nichts gut.

Natürlich: Der sportliche Reiz dieser Veranstaltung liegt irgendwo zwischen 52-Heb-auf! und Anstehen bei Brezn-Kolb. Der Reiz dieser Veranstaltung hat etwas mit anderen, sehr menschlichen Aspekten zu tun. Ich gönn’s ja jedem, der sich so zeigen will und jedem, der gerne hinschaut. Wunderbar. Allzu viel Animierendes haben wir in der Noris meist nicht. Aber muß das am Hauptmarkt sein, und zu solch schrecklichem Bumm-Bumm, für das sich sogar der eine oder andere Lokalsender schämen würde, und zum Gebläke eines ob der ausbleibenden Massen frustrierten Jünglings, der da ins Mikro brüllen darf, nach dem Motto: „je weniger Besucher, desto hysterischer werde ich“?

Der Platz ist einerseits nicht gut gemacht und wird andererseits durch solche Blödeleien restlos entwertet. Wünschenswert – ob realistisch oder nicht – wäre eine Umfassung, die dem Platz und der sie dominierenden Frauenkirche ein passendes Gepräge gibt. Das wird schwer, denn die Gebäude sind in privater Hand. Denkbar wäre vielleicht eine Art „Pakt“ mit den Hauseigentümern, auf Jahrzehnte angelegt, der auf eine würdige Verbesserung der auf dem obenstehenden Bild sichtbaren Tristesse abzielt.

Am Hauptmarkt in seiner heutigen Verfassung ist Nürnberg nicht Weltstadt, sondern allertiefste Provinz. Kann man sich derlei Quatsch auf dem Münchner Marienplatz vorstellen? Vom New Yorker Times Square gar nicht zu reden.

Wir bauen derzeit – und das ist sehr gut so! – einen Konzertsaal, der höchsten Ansprüchen genügt. Wir sollten daher keinen zentralen Platz in der Innenstadt haben, über den wir eine Sau nach der anderen jagen. Weniger ist mehr. Und hilft auch, die Qualität zu halten.

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