Sein, Bewußtsein, Schmarrn

Porsche 356 1600 – © Freud
Porsche 356 1600 – © Freud

#815 Man kennt das: Als Autofahrer ist der Herr Huber ein Grobian und läßt den gemeinen Fußgänger spüren, wer auf der Straße das Sagen hat. Kaum hat er seinen Boliden abgestellt, ist er als Fußgänger unterwegs und motzt über die Autos, was das Zeug hält. Gerne auch verhält er sich so, daß sich möglichst viele Autofahrer ärgern. Das verschafft ihm dann irgendeine merkwürdige Art von Befriedigung.

Schlimm wird es, wenn er auf’s Fahrrad steigt. Da kennt er keine rote Ampeln, keine Fahrtrichtungen, keine Fußgänger mehr, da er ist Gottvater allein, und wehe, einer wagt es, ihm in die Quere zu kommen!

Wir alle kennen so jemanden oder, nichts menschliches ist uns fremd, können uns vage daran erinnern, auch schon mal so gehandelt zu haben, wie der erfundene Herr Huber. Als Panzerkommandant mag er psychisch geeignet sein; für den normalen Verkehrsteilnehmer ist sein Verhalten schwierig.

Zunächst einmal belegt dieses Verhalten zum hunderttausendsten Male die Wahrheit der Erkenntnis von Karl Marx, daß das Sein das Bewußtsein bestimme. (Übrigens habe ich als Konservativer nicht das geringste Problem mit Karl Marx als Beschreibenden sozialer Zustände; meine Schwierigkeiten fangen bei seinen „Heilungsvorschlägen“ an).

Wenn einer die PS seines Autos im Hintern spürt, dann ist er eben allmächtig. Oder fühlt sich so. Daß es so ist, soll lieber nicht bestritten werden. Man erkennt übrigens eine leichte Irrationalität im menschlichen Verhalten daran, daß wir die Leistung eines Autos nach wie vor in PS, in „Pferdestärken“ messen. Alles andere messen wir in Watt: Glühbirnen oder diesen neumodischen Blödsinn, der so tut, als sei er eine Glühbirne. Kraftwerke. Photovoltaikanlagen. Stromverbrauch der Waschmaschine. Alles in Watt. Niemand sagt „Meine Waschmaschine verbraucht 2 PS beim Waschen“ oder „Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld produzierte 1,8 Mega-PS Leistung“.

Beim Auto aber halten wir am PS fest, als sei nur so ein Leben nach dem Tod möglich.

Aber nicht nur der Autofahrer an und für sich neigt zu solch merkwürdiger Verhaltensweise. Der Radfahrer mag auf den ersten Blick schwächer sein, aber er ist nicht weniger, nun ja, emotional verschoben, um es höflich zu sagen.

Mal ist er neben Fußgängern unangemessen schnell unterwegs, mal fährt er – unerlaubt – gegen die Fahrtrichtung. Das kostet wohl 40 €; es wäre interessant zu erfahren, wie viele solcher Strafzettel die Nürnberger Polizei schon ausgestellt hat. Keinen?

Da stellt man am Ziel sein Rad am besten so ab, daß niemand mehr vorbeikommt. Damit alle sehen: „Ich! Ich! Ich!“.

Deswegen sind Versuche, wie sie unlängst durch den Aufruf zur Abschaffung der kostenlose Parkplätze geschaffen wurde, übelste Ideologie:

  • Sie ignorieren den tatsächlichen Hintergrund menschlicher Mobilität: Es ist Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung, selbst mobil zu sein und sich nicht in ein System angeordneter Mobilität – so die häufige Wahrnehmung des ÖPNV – einordnen, ja: unterordnen zu müssen.
  • Sie ignorieren die Tatsache, daß es mit vier Tüten und einem Paket im Auto schön ist und im Bus blöd.
  • Sie ignorieren die Tatsache, daß unsere Innenstädte seit Jahrhunderten daraufhin bebaut sind, daß Menschen in die Zentren kommen, um dort Handel zu treiben und wollen aus den Innenstädten verkehrsberuhigte Ödnisse machen. Ja, warum denn? Wer hat diesen verschrobenen Weltverbesserern den Auftrag dazu erteilt?

Gleich hinter Fürth kann man auf der grünen Wiese sitzen und die Landschaft genießen – ohne Fußgängerzone, Umweltzone und Parkverbot. Da will nur keiner hocken – weil da keine anderen Menschen sind, weil es nichts weiter zu gucken gibt als Landschaft. Also fahren die Leute doch lieber nach Nürnberg (eh klar), an den Hauptmarkt oder so. Da gibt es zu schauen, aber da sind dann auch – zwangsläufig – nicht nur andere Menschen, sondern auch, ach gucke einer an, andere Autos.

Das Ziel muß nicht sein, aufgrund irgendwelche an den Haaren herbeigezogener, vernunftwidriger Ausgangsbehauptungen den Menschen unsinnige Vorschriften zu machen oder gar, Kennzeichen aller radikalen und extremistischen Ideologien, die Menschen zu „erziehen“. Welch absurde Anmaßung!

Es geht darum, daß wir gut miteinander auskommen. Die Tatsache, daß der Nürnberger Ampel-Computer nicht auf schnellen Verkehr hin ausgelegt ist, sondern auf möglichst viele rote Ampeln, ist ein Indiz für diese schlechteste aller schlechten Selbstüberschätzungen.

Oder der Verkehr zwischen Plärrer und Bahnhof: Seit leicht vierzig Jahren ist das eine Staufalle der Art „Frankenschnellweg“ – aber man tut nichts; man nimmt hin, daß man als Autofahrer der Depp der Nation sei. Warum?

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