Der arme Ochse

Der Ochse an der Fleischbrücke – © Freud
Der Ochse an der Fleischbrücke – © Freud

#811 Wenn der Nürnberger an und für sich seinem Mitmenschen etwas erzählen will, und diesem vor lauter Gwerch nicht so recht der Sinn danach steht, dann gibt es in der Noris den netten Satz: „Erzähl’s doch dem Ochsen.“ Und gemeint ist der Ochse am Durchgang zur Pegnitz neben der Fleischbrücke. Der hat nämlich einen Vorteil: Er kann nicht weglaufen. Den kann man vollschmarren bis zum Geht-nicht-mehr, er hört geduldig zu, bis man fertig ist. Nie unterbricht er einen. Stets heuchelt er allerhöchste Aufmerksamkeit. Widerworte hat er noch nie erhoben. Ein feiner Gesprächspartner, wie es scheint.

Die Nürnberger Zeitung von heute beliebt, einige Personen und Persönlichkeiten des städtischen Lebens kurz mit launigen Texten (oder so) zu portraitieren und ihnen eine Schulnote zu verpassen. Nur gute Noten sollen es sein, verkündet man: Es gibt nur Einsen und Zweien. Ist doch nett, oder? Oder.

Zunächst einmal ist da der Ober, Oberbürgermeister Maly, Ulrich, Doktor. Während alle einen mehr oder minder launigen Text bekommen, Bild dazu, fertig, hat sich die NZ beim OBM größere Mühe gegeben. Da ist ein Schulzeugnis von ihm aus dem Schuljahr 1969/1970 groß abgebildet, mit einer in der Tat netten Bemerkung der Lehrkraft, wie man das damals nannte. Nicht nur die Noten befähigen zum Übertritt in die nächste Klasse, nein, die mit der Gabe der Urteilskraft, vielleicht gar der Prophetie ausgestattete Lehrkraft weiß dem OBM in Ausbildung bereits zu bescheinigen, daß man ihm „manche Anregungen und Impulse“ verdanke und er ein“verständiges Wesen“ habe. Ja, dolegstdinieder! Nur den „Dr.“ hat sie vergessen, damals.

Alle anderen Ausgezeichneten müssen mit einer geringeren Würdigung auskommen. Hackordnung muß sein. Da gibt es Einser für die wirklich zu Lobenden, es sei denn, diese wird im Untertitel gleich wieder kassiert. Wer will schon als jemand, der auch in Öffentlichkeitsarbeit macht wie der Tiergartendirektor Dag Enke, eine „1 für Verschwiegenheit“ erhalten?

Und dann gibt es als einzige Abweichung noch Zweier. Die sind vorgesehen für die Fraktionsvorsitzende der SPD, Anja Prölß-Kammerer, und den der CSU, Sebastian Brehm. Das ist doch erstaunlich. Der höchste SPD-Adel der Stadt wird solcherart gedeckelt? Es ist aber auch in der Tat schwierig, nach dem Alpha-Tier Christian Vogel eine Fraktion zu leiten und nicht der Zurückhaltung geziehen zu werden. Gleichwohl, denkt sich der Betrachter: ist da irgendwo in der SPD ein ähnlich kräftiger homo politicus am Horizont zu erkennen? Fraktionsvorsitz, Parteivorsitz und so weiter: die SPD wirkte schon einmal kräftiger aufgestellt.

Und der Zweier für Sebastian Brehm versteht sich von selbst: Es handelt sich ja um die CSU, der er in der Fraktion vorsteht. Das kann gar keine gute Note werden. Der Text dazu übrigens ist nachdenklicher: Angesichts der leider zuletzt nicht ganz siegreich hingelegten Wahl bringt die CSU erstaunlich viel durch und muß erstaunlich wenig hinnehmen. Der Verfasser dieser Zeilen hat noch ein Wahlprogramm vom letzten Jahr übrig und gründlich hineingesehen: Der Sebastian Brehm muß sich nicht verstecken mit seiner Bilanz, und die Zeitung könnte das ruhig auch angemessen würdigen; aber auch: wir CSUler kriegen halt immer eine auf den Deckel; das ist wohl betriebssystembedingt.

Da ist dann noch Tanja Sterian, der zwar eine Eins erteilt wird, aber deren „Beurteilung“ vor allem dazu genutzt wird, über Markus Söder zu lästern. Für gewöhnlich steht im Zeugnis der Tanja keine Bemerkung über den Markus; da hat sich schon jeder seine eigene verdient. Und den Markus haben sie mal gar nicht bedacht. Warum auch immer. Bei der SPD hat’s die NZ unterwürfiger gemacht: Da wird Uli Maly ganz besonders herausgestellt, da wird seinem Bruder Dieter Maly, Sozialamtschef, eine sehr gute Note verpaßt und der Amtschefin im Bürgermeisteramt, und seinem wohl ewigen zweiten Mann, dem Bürgermeister Christian Vogel auch, und alle werden sie gelobt. Und bei den drei Schwarzen, da wird so viel Wasser in das scheinbare Lob gegossen, daß es wieder einen schalen Eindruck hinterläßt. Immer druff auf die Union, und immer gestreichelt wird die Sozialdemokratie, so ist das eben in der Nürnberger Zeitungslandschaft. Auch bei der NZ.

Der arme Ochse.

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