Auftakt

Detail am Opernhaus – © Freud
Detail am Opernhaus – © Freud

#810 Seit hundert Jahren steht jene geflügelte Figur am First des Opernhauses und trötet, was das Zeug hält. Gestern wurde im Stadtrat fleißig diskutiert und dann beschlossen, was man mit dem Opernhaus, der Meistersingerhalle und dem neuen Konzertsaal für ein Paket schnüren könne, um es Wirklichkeit werden zu lassen:

  • Der Konzertsaal wird gebaut. Zunächst allerdings aus „Ausweichspielstätte“ für das wegen Sanierung zu schließende Opernhaus. Die Oper zieht in den Konzertsaal um – das ist besser, als das Haus zwei oder drei Jahre lang zu schließen und das Ensemble zu entlassen.
  • Dann wird das Opernhaus saniert. Die „Bruchbude“, wie Herr Oberbürgermeister Maly unter allfälligen Unmutsbekundungen der auf den Zuschauerrängen anwesenden Orchestermitglieder bemerkte, sei in eher drei als zwei Jahren saniert, und dann würde man vom vorübergehend dafür genutzten Konzertsaal an die Oper zurückkehren, die, wie Julia Lehner als Kulturreferentin meinte, nicht nur als Gebäude saniert, sondern auch mit einem passenden Vorplatz versehen werden müsse: Es ginge nicht nur um Brandschutz, sondern auch um den Richard-Wagner-Platz.
  • Der Konzertsaal wird als Ausweichspielstätte zum Konzertsaal zurückgebaut – wie zu hoffen steht: ohne Nutzung als Kongreß-Zentrum, denn eine solche Vielzweckhalle würde alles kaputtmachen
  • Schließlich würde die – auch schon unter Denkmalschutz stehende – Meistersingerhalle saniert und ein wenig umgebaut werden, damit sie als Kongreß-Zentrum für „mittlere und kleine“ Kongresse genutzt werden können (500-1.000 Teilnehmer), weil Nürnberg in diesem Bereich zu wenig Möglichkeiten habe.

Es wird hier ausdrücklich begrüßt, daß für die Förderung der Hochkultur Geld da ist. Eine Stadt ohne ein umfassendes Angebot mit Theater, Oper, Konzert ist nicht gut aufgestellt. Und wenn wir – nicht zuletzt dank der Zahlungsbereitschaft und Zahlungsfähigkeit des Freistaats – schon ein Staatstheater und eine Staatsphilharmonie haben, dann ist es auch richtig, daß wir allen drei Hauptsparten eine angemessene Wirkungsstätte geben.

Ob das mit dem Kongreß-Zentrum in der Meistersingerhalle so eine gute Idee ist, weiß ich noch nicht; am Flughafen ist wohl der richtige Ort dafür (aber dann käme das Thema „Nordanbindung“ wieder auf’s Tapet). Und die verkehrliche Situation für den Konzertsaal am Ort Meistersingerhalle ist nicht so toll, wie viele tun. Nur die U-Bahn ist ein klassenloses öffentliches Verkehrsmittel. Und eine U-Bahn fährt nicht dorthin. Die Straßenbahn kommt für die meisten Konzertbesucher schon aufgrund der Garderobe nicht wirklich in Frage; auch ist die Vorstellung, dichtgedrängt und womöglich noch bei Schmuddelwetter auf dem Perron zu stehen und bibbernd zu warten, den Schirm des einen Nachbarn im Kreuz, den Mundgeruch des anderen erduldend, keine verlockende Perspektive. Da wird noch viel nachgedacht werden müssen.

Aber erstaunlich ist doch eines: Der Nürnberger Stadtrat schwelgt im Luxus, dies alles beschließen zu können, ohne zu wissen, was das kostet. Bestellen, ohne sich um den Preis zu kümmern – unter normalen Umständen wäre das frivol. Allein: Der bayerische Finanzminister heißt Markus Söder. Der Freistaat hat durch den Ministerpräsidenten sein Hilfe zugesagt, der Finanzminister hat klar gemacht, daß er ermöglichen wird, was nur geht – und so kann Nürnberg zum Halali blasen, ohne zu wissen, was das am Ende kosten wird. Das sind schon wahrlich gute Zeiten, in denen wir leben.

Wie Goethe den Direktor im Vorspiel auf dem Theater bei Faust sagen läßt:

„Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So daß die Menge staunend gaffen kann,
Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!“

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