In die Hacken fahren

Max Weber – © Public Domain
Max Weber – © Public Domain

#787 Wenn man frohgemut beim Einkaufen ist und einem so eine Zeitgenossin mit fröhlichem Aryurveda-Blick und „Manchmal esse ich vegan“-Gutmenschentum von hinten in die Hacken fährt und den blödesten aller mögliche Sätze los wird („Das war keine Absicht“ – das wäre ja noch schöner!), dann erfährt man ihn wieder, den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.

Ersteres ist billig und an jedem Kaugummiautomaten zu haben, letzteres ist anstrengend, teuer und des Schweißes der Besten wert.

Der Herr hier auf dem Bild mit Hipsterbart und geheimratseckenverdeckender Frisur übrigens ist Max Weber, der Doyen der Soziologie. Er hat auch diese beiden Begriffe definiert, und dafür sei ihm Dank.

Der Gesinnungsethiker will ein guter Mensch sein und ist meist nur ein Gutmensch. Der Verantwortungsethiker ist nicht ganz so egozentrisch und wohl auch nicht so egoistisch. Es kommt ihm weniger darauf an, ob er knorke ist, sondern eher darauf, daß jene Werte zu Handlungsleitlinien werden, die für die Gesamtheit als solches gut sind. Das kann dann durchaus mal für den einzelnen einen Zurückstellung bedeuten, wenn zumutbar, weil es für das Gesamt einen notwendigen Fortschritt bringt. Beispielsweise.

So hat man gestern bei Markus Söder erlebt – und das war für die Zuhörer gewiß nicht uninteressant –, daß er längst schon ein Verantwortungsethiker ist.

Freilich hat er nicht mit deutlichen Worten in Richtung Griechenland gespart. Er hatr aber auch betont, daß die EU (und mit ihr die Eurozone, denn beides hängt aneinander) ein Friedenswerk ist und daß man aus Wut über vertragsschädigende Verhalten in seiner Reaktion Maß halten muß. Er hat nicht nur eine Gesinnung (die ist leicht zu haben), sondern eine Verantwortung gezeigt, und das eben ist richtig und wichtig und unterscheidet den Staatsmann vom nörgelnden Stammtischstrategen.

Wobei man freilich die Dinge nicht übertreiben darf: Der Stammtischstratege darf und soll Stammtischstratege sein, aber eben am Stammtisch. Und nicht in der realen Politik.

Wir leben in einer modernen, teils etwas abstrusen Welt. Da meint einer, die Menschen mit seinen politischen Ansichten malträtieren zu dürfen, obwohl er doch eigentlich als Schauspieler / Sänger / bildungsferne-Gruppen-Soap-Star bekannt wurde. Heißt: Keinerlei Kompetenz qua Amt, keinerlei demokratische Befugnis dazu hat. Allzu viele in diesem Lande meinen, daß die Tatsache, daß sie die Schlagzeile einer an Schlagzeilen reichen Zeitung lesen können, zu einer politischen Haltung qualifiziert, die sie auch noch laut unter die Menschen bringen können. Kurzformel: Je weniger Ahnung, desto lauter. Und eben dies ist falsch und wird wie am gestrigen Abend – wo es leicht gewesen wäre, sich den Stammtisch raushängen zu lassen! – von einem, der das kann, eben nicht gemacht. Da wird auf den Schenkelklopfer verzichtet, um den Menschen auch mal klar zu sagen, daß es uns gut geht und daß es uns auch deswegen gut geht, weil wir Konflikte eindämmen, weil wir den Kompromiß leben, weil wir eben kein egoistischer Nationalstaat sind und sein wollen, sondern einer unter gleichen – freilich mit dem Anspruch, einer der stärkeren zu sein – aber Stärke im doppelten Sinne: Kraft und Verantwortung.

Dazu gehört eine Absage an die billige Gesinnungsethik und die Wahrnehmung der Verantwortungsethik. Die gestrige Veranstaltung war dazu ein Lehrbeispiel.

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