Warum stirbt der Fachhandel?

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#781 Zuweilen ist die Antwort auf irgendein Thema recht einfach zu geben. Zuweilen aber fällt es um so schwerer, je näher man hinschaut. Diese Nah-Unschärferelation ist nicht nur ein Phänomen der Quantenphysik, sondern auch und gerade des wirklichen Lebens.

Derzeit bereiten sich in Nürnberg drei bekannte Ladenlokale auf ihr Ende vor: In einem gab es gerahmte Bilder zu kaufen, im anderen Schirme, das dritte ist eine Wäscherei.

Wir wollen einmal die Frage unbeantwortet lassen, ob es wirklich noch eine Geschichte des 21. Jahrhunderts sein kann, daß jemand sein Leben mit dem Verkauf von Schirmen bestreitet; das klingt dann doch eher nach 19. Jahrhundert. Es soll vielmehr ganz allgemein gefragt werden, woher denn diese Entwicklung kommt.

Natürlich kommen auch bei dieser Frage wieder die Unkenrufer aus ihren Ecken, die sie sonst nur während der Volksfests verlassen, und rufen etwas von „Der Ami ist schuld!“. Das ist natürlich so … falsch…, wie etwas nur falsch sein kann. Denn wer in den USA war, wird bestätigen können, daß gerade dort der Service und die Freundlichkeit im Einzelhandel auf hohem Niveau sind, das hierzulande unerreicht ist. Wer schon einmal in einem „Fachgeschäft“ mit der fränkischen Freundlichkeit und dem Gefühl, ein Störenfried zu sein, behandelt wurde, der weiß ein Lied davon zu singen.

Es kommt eben durchaus vor, daß man nicht „beraten“ wird. Wenn der Verkäufer für den Verkauf des Produktes X eine Belohnung bekommt, für Y aber nicht – na, wer wird mich denn dann treu beraten? Das Internet hält die verschiedensten Kaufberatungen parat, und da sieht man auch sehr schnell, wer pro domo schreibt und wer real als Verbraucher schreibt.

Im Internet kann man Preise vergleichen. Versuchen Sie das mal in einem Laden! Beispiel: Mobilfunktarif. Da sind Sie im Laden chancenlos. Im Internet ist es auch nicht eben leicht, aber wenigsten leichter.

Das Fachgeschäft soll angeblich „Service“ bieten. Oft ist das auch wirklich so. Aber zuweilen weiß man selbst mehr über das Produkt als der nicht wirklich engagierte Verkäufer, der sein Gehalt wohl für seine Existenz erhält. Aus besseren Boutiquen kennt frau das Verhalten von Verkäuferinnen, die sich benehmen, als wären sie etwas besseres als die Kundin. Im Café hat man es mit unglaublich gutem Personal zu tun, das einem – wirklich passiert! – sagt: „Wir haben keine Spiegeleier. Wir haben Rühreier!“ und das dann den Preis von zwei Cappuccino mit dem Taschenrechner ermittelt.

Angesichts solcher Entwicklungen sind Standarisierungen nicht das schlechteste für den Verbraucher, und auch das Internet ist es nicht. Der Handel an sich leidet nicht darunter; die Innenstädte aber wohl. Ja, es tut weh, wenn wieder ein inhabergeführtes Geschäft verschwindet und der soundsovielte Filialist eröffnet. Und da ist auch viel Schrott darunter. In der Breiten Gasse hat der Verfasser dieser Zeilen wohl in den letzten Jahrzehnten quasi nichts mehr gekauft. Aber es gibt eben auch die soliden Filialisten: wo man weiß, was man bekommt. Man braucht auch keine „Beratung“, die eh keine ist.

Es ist ein wenig wie beim Tanken. Nur noch eingefleischte Werbefachleute glauben an Unterschiede beim Benzin. Oder wollen uns daran glauben machen. Aber was wir beim Anbieter A, beim Anbieter B oder C bekommen, ist das Gleiche. Und so standarisiert sich die Einkaufswelt immer weiter aus. Deswegen ist aber auch immer weniger Raum für unabhängige Einzelhändler – und darunter eben leider auch für die Guten unter ihnen. Das ist aus vielen Gründen bedauerlich.

Weniger bedauerlich aber ist das Ersetzen der unfreundlichen, inkompetenten, unflexiblen, manipulierenden, teueren Einzelhändler durch einen freundlicheren, kompetenteren, flexibleren, transparenteren und günstigeren Markt im Internet. Und die Guten unter den Einzelhändlern werden bestehen.

Manche fallen, obwohl sie vielleicht gut sind, aus der Zeit. Es ist eben heute günstiger, einen Lkw mit schmutziger Wäsche nach der Tschechoslowakei zu fahren, als den hiesigen Aufwand mit Berufsgenossenschaft, Mindestlohn usw. zu betreiben. Ob das richtig ist, steht auf einem anderen Blatt – aber wenn das Hemd, gewaschen und gebügelt, so nur die Hälfte kostet, dann ist das auf dem Markt ein echtes Argument. Das mag nicht schön sein, aber es ist so.

Aber uns stellt sich eine ganz andere Frage. Mit jedem Lieferfahrzeug, das neu zugelassen wird, fallen ein paar Quadratmeter Innenstadtladenfläche weg. Unsere Städte werden sich verändern, und zwar dauerhaft. Da sollte schon hingeschaut werden, wie man diesen Wandel gestaltet.

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