Die Einsamkeit des Favoriten

CSU-Vorsitzender Ministerpräsident Horst Seehofer – © Freud
CSU-Vorsitzender Ministerpräsident Horst Seehofer – © Freud

#779 An der Spitze ist man alleine. Das gilt natürlich für Bespaßungsvereine wie die Grünen oder die heutige SED nicht, die eine allen Grundsätzen von Demokratie und publizistischen Anforderungen widersprechende Doppelspitze haben – bei der dann meistens keiner weiß, wer das ist. Der normale Deutsche weiß nicht, wer Herr Peter ist. Und wenn man ihm dann sagt, daß es sich um Frau Peter handelt, fällt auch kein Groschen. Nicht, daß das ein großer Verlust wäre – aber es zeigt, daß so etwas schwierig zu handhaben ist. (PS: Frau Peter ist Vorsitzende der Grünen…)

Manchmal muß es auch gar keine Doppelspitze sein, um einen niedrigen Bekanntheitsgrad auszulösen. Schauen wir die bayerische SPD an, bei der auf die Frage nach dem Vorsitzenden der normale Mensch entweder keine Antwort weiß oder immer noch „Karl-Heinz Hiersemann“ sagen will – der das aber nur bis 1992 war. Der war ja wenigstens ein Typ mit Wiedererkennungswert.

Da haben wir es bei der CSU zugleich einfacher und schwieriger. Einfacher deswegen, weil wir eine reiche Auswahl an möglichen Köpfen für das oberste Amt haben. Wir könnten eine Doppel-, Dreifach- oder Sonstwas-Spitze aufstellen, aber wir machen das aus gutem Grunde nicht: In einer Person müssen sich Überlegungen, Informationen, Pläne und so weiter bündeln. Diese eine Person wird mit der entsprechenden Verantwortung ausgestattet.

So schön die deutsche Sprache ist, und in wie vielen Fällen sie sich auch als fein zieseliert erweist: das Wort „Macht“ ist ein Teekessel, ein Wort mit doppelter Bedeutung, und hier ist das Englische feiner. „Control“ ist die Macht, andere zu kontrollieren, und diese Macht soll es im freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat nur ganz am Rande geben, und zwar in institutioneller Form, nicht in personeller. „Power“ aber ist die Macht, etwas politisch auf den Weg zu bringen und durchzusetzen. Diese Art der Macht ist seit Menschengedenken bei der CSU, und das zeitigt Ergebnisse, gerade in unseren Tagen, die weltweit ihresgleichen suchen. Niemand außer einigen CDU-Landesverbänden kommt auch nur annähernd an die Leistungsbilanz heran, die der CSU eigen ist.

Nun mag man davon reden, daß es doch vor allem auf die Inhalte ankomme und auf die Grundsätze. Das ist einerseits sehr richtig. Andererseits ist diese Aussage nicht vollständig. Es gibt Menschen, die diese Grundsätze glaubwürdig in sich vereinen. Die werden dann von der jeweiligen Partei ins Rennen geschickt. Zugleich werden sie als Vorsitzende nicht nur mit Befugnissen ausgestattet, begrenzt und auf Zeit, sondern eben auch kontrolliert.

Nun muß man sehen und hören, wer für die Nachfolge von Horst Seehofer in Frage kommt. Auf dem Bild ist zu sehen, wie er hört. Und da rufen gar nicht so viele, wie man nach der Zeitungslektüre glauben möchte.

Zum einen gibt es viele, die inhaltlich zweifelsohne gut sind und gut für die CSU sprechen, aber dennoch ihren richtigen Platz vorne, jedoch nicht ganz vorne in der Mitte finden. Für den Verfasser dieser Zeilen ist Alois Glück so ein Beispiel. Von diesem Mann war vielleicht ausnahmslos Kluges und Nachdenkliches zu hören, und er steht für die Grundsätze der CSU wie kaum ein zweiter, aber er ist ein Mann der zweiten Reihe. Die in der ersten Reihe wären ohne die der zweiten Reihe nicht das, was sie sind.

Und dementsprechend sollte man sehen, wer als künftiger CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident in Frage kommt. Es muß jemand sein, der die richtigen Entscheidungen trifft und innerhalb der CSU für das Gesamte steht. Er muß den Leuten auf’s Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden. Er muß politische Meinungsführerschaft können. Seine politische Leistungsbilanz sollte schon auch von Fortune gekennzeichnet sein; größere Mißerfolge sind da nicht so besonders hilfreich. Er muß es übrigens auch wollen, und zwar richtig. Er muß ein Bierzelt zum Kochen bringen können und in ernsthafter Positur zu überzeugen wissen.

An dieser Stelle soll es genug sein mit den sanften Hinweisen daraufg, wer es denn wohl wird. Rekurriert sei auf etwas ganz anderes: Horst Seehofer sagte vor einer Woche in Nürnberg, daß derjenige für die CSU antreten werde, die den größten Erfolg verspricht.

Nun gehe man im Geiste diejenigen durch, die von den verschiedenen Presseerzeugnissen für den Vorsitz der CSU und das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten genannt werden. Da gibt es einen, der alle Anforderungen erfüllt. Das wissen auch alle.

Aber natürlich: es ist noch einige Zeit hin bis zum Wechsel. Im Herbst dieses Jahres wird sich Horst Seehofer mit einer gehörigen Leistungsbilanz dem Parteitag zur Wahl stellen, und es ist keine gewagte Vorhersage, wenn man ein deutliches Zeichen der Anerkennung im Wahlergebnis wiederfinden wird. Aber natürlich ist dies auch für den, der in beiden Ämtern nachfolgen wird, eine weitere Anforderung. Und auch dadurch werden wieder so manche in der Versenkung verschwinden, die heute noch genannt werden, und so, wie es aussieht, wird nur einer übrigbleiben. Auf ihm liegen dann die Erwartungen. Und wieder wird es etwas einsamer an der Spitze werden. Das eine kommt nicht ohne das andere.

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