Israel im Dialog (Tag 5)

Ein Warnschild an der Grenze zum
Ein Warnschild an der Grenze zum „A“-Gebiet. – © Freud

#766 Dialog kann schwierig sein. An diesem Tag, der ganz auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde verbracht wurde, war es – für mich – schwierig. Unser israelischer Guide läßt uns unsere politische Meinung selber haben. Der aber war an diesem Tag nicht da, es kam: Kaled, ein palästinensischer Christ. Übrigens ein durchaus netter Kerl. Kaled also kam und redete. Er redete fast nur von Politik.

Und das auf eine Art und Weise, daß ich das gar nicht alles berichten kann – und schon gar nicht kommentieren kann. Gute Propaganda erkennt man daran, daß man ein vielfaches an Worten braucht, um sie zu widerlegen. Kaled ist ein guter Propagandist. So sprach er – wie auch das eine oder andere Blatt in Deutschland – gerne von der „Mauer“. Das ist keine „Mauer“, sondern auf 95 % der Länge ein einfacher Zaun. Und natürlich vergleicht Kaled die „Mauer“ gerne mit der Berliner Mauer. Kleiner Unterschied: Die Berliner Mauer wurde gebaut, um „DDR“-Bürger an der Flucht aus dem angeblichen Arbeiter- und Bauernparadies zu hindern, also: sperrte ein. Die Sperranlagen zwischen dem Kernland Israels und den besetzten Gebieten in der Westbank dienen dazu, sogenannte Selbstmordattentäter auszusperren. 2000 Tote im Jahr vor dem Bau, seither nahezu Null. Jede israelische Regierung hätte die Sperranlagen bauen müssen, und jede wird sie abbauen, wenn es möglich ist.

Teils Mauer, teils Zaun, teils gar nicht da: die Sperranlagen zwischen PA-Gebieten und Israel. – © Freud
Teils Mauer, teils Zaun, teils gar nicht da: die Sperranlagen zwischen PA-Gebieten und Israel. – © Freud

Aber davon spricht Kaled nicht. Er spricht vom Gerücht, daß Arafat ermordet worden sei. Natürlich: falls es so war, dann müssen es die Israelis gewesen sein. Die Idee, daß ein anderer an Arafats Milliardenvermögen kommen wollte, kommt ihm gar nicht. Aber es stellte sich heraus, als der Leichnam fünf Jahre nach Arafats Tod (!) exhumiert worden ist, daß er nicht vergiftet wurde. Das sagten drei Kommissionen. Eine konnte sich nicht dazu entschließen, das kategorisch auszuschließen. Aber aus PA-Sicht ändert das nichts.

So ist das mit Verschwörungstheorien: Jeder Umstand, der sie widerlegt, wird als Beweis für die Gemeinheit der Verschwörung hergenommen. Und so paßt scheinbar immer alles ins Bild.

1948 flohen etwa 900.000 Palästinenser – die damals noch nicht so hießen; den Namen „Palästinenser“ und „PLO“ hat Arafat 1964 erfunden, statt einen Staat zu gründen – vor dem Krieg, den die arabischen Nachbarn dem auf keinem Staat zugehörenden Land gegründeten Israel aufzwangen – auch deswegen, weil ihnen ihre Staatschefs, Könige und Diktatoren dzu rieten, ihren angeblich siegreichen Armeen auszuweichen. Nun wollen davon heute manche zurückkehren: 67 Jahre später und auf einmal sind es 5.500.000 – fünfeinhalb Millionen (!) –, die da ihr sogenanntes „Rückkehrrecht“ fordern. Man stelle sich vor, daß heute etwa 18 Millionen Nachfahren von Sudetendeutschen in die Tschechoslowakei „zurückkehren“ würden…

Ein anderes, nicht gutes Gefühl war folgendes: Der Verfasser dieser Zeilen ist weder auf den Mund gefallen noch ob seiner zartfühlenden Zurückhaltung in politischen Diskussionen bekannt. Entsprechend schwer war es, angesichts der Tiraden von Kaled, ruhig zu bleiben. Aber es gelang.

Übrigens soll diese Philippika nicht bedeuten, daß es kein Verständnis und keine Empathie gäbe. Das ist ganz sicher nicht der Fall. Aber so, wie Israel nicht jedes Mal schuld ist, wenn auf dem Sinai eine Ziege stolpert, so ist Israel auch für das Elend der Araber hier – und dieses Elend gibt es – nicht ursächlich. Es mag freilich sein, daß es sich auch aus unserer Sicht ungeschickt verhält und es mag ferner sein, daß mehr kleine Schritte auf die PA zu möglich wären. Aber, wie Markus Söder auf dem Festakt zu 50 Jahren deutsch-israelischer Beziehungen sagte: Man muß es auch einmal durch die israelische Brille sehen.

Und die sagt: „Nie wieder Opfer“. Auch deswegen ist es unerläßlich, tatsächlich un-er-läß-lich, daß die Vertreter der Palästinenser die Vernichtung Israels als Ziel aufgeben. Solange sie das nicht tun, hat Israel keinen Verhandlungspartner, weil das einzige, worüber diese Leute verhandeln wollen, die Vorgehensweise der Zerstörung des Staates Israel ist. Und das können sie nicht tun.

Wenn auf Seiten der Palästinenser jemand in Verantwortung kommt, der über ein Miteinander oder meinetwegen auch ein Nebeneinander zu sprechen überhaupt bereit ist, dann und erst dann führen Verhandlungen zu einem Erfolg. Dann aber werden sie auch erfolgreich sein. Und dann braucht auch niemand eine Sperranlage.

Wir fuhren über Jericho zu einem rieseigen Bauprojekt namens Rawabi, nahe Ramallah, das von der PA gemeinsam mit dem Staat Qatar realisiert wird. Über 30.000 Menschen sollen einmal in dieser bald bezugsfertigen Anlage wohnen. Das Bauprojekt als solches und die Schaffung guter stadtplanerischer – also auch sozialer – Verhältnisse ist zweifellos gut. Und das soll man auch unterstützen. Bei Teilen des Projekt wie einem den antiken Theatern nachempfunden Open-Air-Theater für 15.000 Menschen – wer soll das bespielen? – habe ich so meine Zweifel, aber insgesamt ist das sicher eine gute Sache.

Rawabi. – © Freud
Rawabi. – © Freud

Über Bethlehem ging es zu den Patriarchengräbern in Hebron, die Juden, Christen, Muslimen gleichermaßen wichtig sind.

Das Grabmal von Lea. – © Freud
Das Grabmal von Lea. – © Freud

Am späten Nachmittag ging es zur Geburtskirche nach Nazareth. Hier also soll die Geburt gewesen und hierhin die heiligen drei Könige gekommen sein.

Aus christlicher Sicht: Der Ort von Jesu Geburt. – © Freud
Aus christlicher Sicht: Der Ort von Jesu Geburt. – © Freud

Nach einem Tag voller nicht leichter Eindrücke verließ uns der palästinensische Guide wieder und wir fuhren die paar Kilometer nach Jerusalem. Unser Hotel ist gleich hinter dem Jaffa-Tor, quasi in die Stadtumwallung (aus osmanischer Zeit) hinein gebaut. Und wer ein ruhiges, beschauliches Jerusalem vorzufinden erwartet hat, wurde zutiefst enttäuscht: Es waren hunderttausende von Menschen auf der Straße, die ein „Light in Jerusalem“-Festival feierten. Die Blaue Nacht in Nürnberg ist im Vergleich dazu schwach besucht 😉

Lichterfestival in Jerusalem. – © Freud
Lichterfestival in Jerusalem. – © Freud
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