Nur Schwätzer?

Umfragen

#757 In Großbritannien haben die Konservativen die absolute Mehrheit errungen. In Israel hat Netanyahu mit seinem konservativen Likud einen Wahlsieg errungen. Und so weiter. Wer daneben lag, das waren die Demoskopen, die werktätigen Helden der Kunst der Umfragen. Warum?

Freilich sind Vorhersagen schwer. Besonders dann, wenn sie die Zukunft betreffen. Wettervorhersagen sind oft so falsch, wie manche alte „Regel“ doof ist: „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.“ Auch Prognosen über die Kurse von Wertpapieren sind im Allgemeinen eher etwas für Leute, die auch an Roulette-Systeme glauben. Aber wie ist das in der Politik?

Die Demoskopie ist eine durchaus ernsthafte Sache. Sie kann (und will nicht) punktgenaue Ergebnisse liefern, aber einen Erwartungskorridor definieren. Das wollte schon vor etwa hundert Jahren der Erfinder, der Amerikaner Gallup. Natürlich ist es im einzelnen nie so ganz leicht, die richtige Auswahl aus zu Befragenden zu treffen. Würde man das hier in Gostenhof tun, dann wäre das Ergebnis ziemlich übel. Würde man es in Passau machen, könnte es für die CSU sehr hoch sein. Man muß die befragte Gruppe gut auswählen, um zu guten Ergebnissen zu kommen. Aber das sollte kein Problem sein; wir sind ja nicht mehr im alten Rom.

Dort gab es, besonders in den ärmeren Wohnvierteln, eine Art mechanisches Horoskop: Man warf oben eine gegen Geld zu kaufende Kugel ein, und die lief dann hinunter, an Gabelungen links oder rechts sich wendend, und fiel unten in einen von mehreren Körben, der dann die Prognose übermittelte. Und so konnte der römische Bürger schon vor 2.000 Jahren die Zukunft befragen.

Das ist natürlich allerübelster Humbug. Wer daran glaubt, ist selbst schuld am Wohlstand derer, die einen ausnehmen wollen; aber bitte.

Jedoch: Demoskopen kriegen ihr Geld nicht von den Lesern, und auch eher nur selten von den Parteien. Üblicherweise sind es die Medien selbst, die Umfragen in Auftrag geben. Sollte da nicht sorgfältiger gearbeitet werden? Sind wir denn diesbezüglich noch so weit in den Anfängen?

Halt. Die Erklärung kommt aus einer anderen Ecke als vielleicht erwartet. Als CSUler zitiere ich natürlich in solchen Fällen gerne Karl Marx: „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“. Natürlich: Wenn ich frage, ab wie viel Grad hitzefrei gegeben werden soll, ist das Ergebnis ein anderes, wenn ich die Klasse 9c an der Wilhelm-Löhe befrage, als wenn ich ins Seniorenheim Patrizia gehe. Und so nähern wir uns vielleicht der Antwort: Medien, insbesondere auch Zeitungen, sind nicht mehr damit zufrieden, Berichterstatter zu sein. Sie wollen selbst zum Mitspieler werden. Sie wollen über die Dinge nicht berichten, sie wollen selbst Einfluß nehmen.

Daß sie dazu keinen demokratischen Auftrag haben, schert sie wenig. Der Journalist als solcher steht immer in der Gefahr, vom Aufklärer zum Manipulator zu werden. Nun wäre es zu leicht, hier nach einer entsprechenden Kontrolle zu rufen. Dies ist rundweg abzulehnen, weil eine solche Kontrolle gar nicht denkbar wäre, ohne die journalistische Freiheit zugunsten einer Gängelung aufzugeben, und das darf nicht sein, auf keinen Fall. Aber was tun?

Es liegt ein Verlust der journalistischen Ethik vor. Der Satz von Hanns-Joachim Friedrichs, daß sich ein guter Journalist mit keiner Sache gemein machen sollte – auch nicht mit einer guten –, ist so auf den richtigen Ansatz verweisend, daß er tagtäglich von jedem Journalisten vor Beginn der Arbeit neu gelesen werden sollte.

Sie meinen alle, sie wüßten, was gut für das ach so dumme Volk sei. Das ist nicht nur anmaßend: Dazu hat sie niemand berufen. Die politische Ausrichtung der in diesem Metier arbeitenden Menschen ist linker als im Durchschnitt der Bevölkerung. Hierüber ist neulich geforscht worden. Und deswegen sind es auch die konservativen Parteien, die unter den falschen Umfragen zu leiden haben.

Der Herr Redakteur, die Frau Kolumnistin, die das letztlich zu verantworten haben, aber scheren sich nicht um diese Auswirkung ihres arg falsch verstandenen Ethos. Es gilt, auch durch die Kaufentscheidung, denen das Vertrauen auszusprechen, die mit den Aufgaben der Berichterstattung zufrieden sind und jenen das Vertrauen zu entziehen, die weniger berichten als vielmehr indoktrinieren wollen.

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