Super-super

Ministerpräsident Horst Seehofer – © Freud
Ministerpräsident Horst Seehofer – © Freud

#738 Der Ministerpräsident Horst Seehofer steht heute mit dem Ausdruck „Die Lage Bayerns ist super-super“ in der Zeitung. Mit diesem Satz hat mir der Ministerpräsident in der Tat eine schwere Aufgabe beschert.

Es dürfte den Lesern dieses Blog schon aufgefallen sein, daß hier im Allgemeinen ein sorgsamer Umgang mit der Sprache gepflegt wird; Ausdrucksweisen wie „super-super“ kommen hier eigentlich nicht vor. Andererseits steckt in einem solchen Ausdruck vielleicht mehr, als man zunächst glaubt.

Eine Unternehmensberatung hat für Bayern einen Beratungsbericht erstellt, und demnach sei Bayern gar nicht so toll. Und die Aussichten für die Zukunft seien es noch viel weniger.

Das klingt erst einmal beeindruckend und natürlich auch besorgniserregend. Wie aber jede Äußerung, und erst recht jede plakative Äußerung, muß man sie selbst erst einmal prüfen, um zu erkennen, was an ihr möglicherweise dran ist und was bloße Schaumschlägerei.

Da werden Dinge angekreidet, die nachgerade lächerlich sind und jedem, der als „Berater“ tätig werden will, zunächst einmal gesunden Menschenverstand verordnen sollte. Da wird nämlich der bayerischen Wirtschaft vorgeworfen, sie sei zu einseitig (und deswegen zum Scheitern verurteilt). Na klar: Wenn zwei weltweit erfolgreiche Automobilhersteller – Audi und BMW – in Bayern daheim sind, dann haben wir einen einseitigen Schwerpunkt „Automobilindustrie“. Wenn zwei weltweit führende Sportartikelhersteller – adidas und Puma – in Bayern bestandortet sind, dann ist das eine gewisse Einseitigkeit. Daran ist „schlecht“, daß wir pro Kopf der Bevölkerung nicht so viele Arbeitsplätze in Arbeitsämtern Jobcentern haben, oder wie? /Ironie aus.

Bayern, so motzt der „Berater“, sei auch sozial gar nicht so dolle wie behauptet. Einmal ganz abgesehen von der Aussage der Margaret Thatcher „There is no such thing as society“ – es gebe nämlich nur eine Ansammlung von Individuen – sei festgestellt: Die Damen und Herren von der tollen Unternehmensberatung mögen bitte den Realitätssinn anschalten und sich nicht mehr von Wischi-Waschi-Ausdrucksweise der Nachzügler beeindrucken lassen.

Da ist ein Bundesland X. Aus Diskretions- und Datenschutzgründen sei sein Name nicht genannt, aber so viel sei verraten: es wird unter Beteiligung der SPD regiert, fast jedes Kind macht dort Abitur und die Schulden sind enorm. Wissen Sie, was das in Wirklichkeit bedeutet?

Die Anforderungen für das Abitur sind brutal gesenkt worden. Seinen Namen tanzen zu können, reicht dort als Nachweis der Hochschulreife aus. In den 1980er Jahren war es in einem solchen Bundesland ausreichend, das Abitur in den „Fächern“ Kochen und Sport zu machen. Sauber. Wurde Deutschland auf diese Weise zum Land der Denker und der Dichter? Wohl kaum.

Und die Schulden sind deswegen enorm, weil ach so viel investiert wird. Behauptet man. Zum Beispiel in die Pflege von Armut – statt in die Verhinderung von Armut. Insofern stimmt der Satz, daß es in Bayern weniger Abiturienten gibt und weniger Staatsausgaben als anderswo.

Das aber bedeutet beides, daß es Bayern gut geht. Hier ist ein Abitur noch ein Abitur und nicht ein Nachweis dafür, tanzen zu können. Und Staatsausgaben werden eher für Chancen getätigt als für Heilmaßnahmen: der Anteil von Mitarbeitern im Arbeitsamt Jobcenter ist hierzulande eben geringer als in X.

Es ist auch so, daß Unternehmensberater manchmal dazu neigen, scheinbare Erkenntnisse völlig wirr zu interpretieren. Die behauptete wirtschaftliche Einseitigkeit ist ein Nachweis von Bayerns Stärke (und nicht von einer erfundenen „Schwäche“). Die behauptete soziale Rückständigkeit Bayerns ist ein Nachweis dafür, daß bei uns gute Strukturen noch vorhanden sind, die anderswo nicht mehr existieren. Aber darin ist kein Handlungsbedarf zu erkennen.

Aber Moment einmal… McKinsey, Bayern, Gutachten – war da nicht schon mal etwas? Ja. 2003 war es, vor zwölf Jahren. Und was erzählten die schlauen Damen und Herren von McKinsey damals? „Ergebnis, dass der Freistaat dabei ist, in der Wirtschaftsentwicklung seine Spitzenposition unter den Bundesländern auch auf lange Sicht zu verlieren. Das Gutachten schlägt einen Zehn-Punkte-Plan vor, um den Freistaat zukunftsfähig zu erhalten. McKinsey fordert unter anderem die Privatisierung von Hochschulen, Wasserversorgung und öffentlichem Nahverkehr sowie die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen etwa in Oberfranken“. Aha.

Nun, wir haben weder Hochschulen privatisiert noch das Trinkwasser. Auch der ÖPNV ist weiterhin in öffentlicher Hand. Und Sonderwirtschaftszonen haben wir ebenfalls nicht. Und damit wäre Bayern „zukunftsfähig“ erhalten worden? Unfug, Unfug, Unfug – setzen, sechs! Man darf ja auch als Unternehmensberatung einmal groben Unfug betreiben. Aber hinterher zu erwarten, daß man dann noch ernst genommen wird, ist nachgerade lächerlich.

Damals galt, daß die Staatsregierung es richtig gemacht und Zukunftschancen gesichert hat. Und McKinsey hat sich bis auf die Knochen blamiert. Und eben so ist das heute: Der Ist-Zustand von Bayern ist großartig – das ist das erste „super“ von Horst Seehofer –, und die Zukunft auch – und das ist das zweite „super“. Somit ist „super-super“ zwar sprachlich nicht so toll, aber inhaltlich ist es völlig zutreffend. Natürlich hat Herr Pronold von der SPD nicht gewußt, daß McKinsey sich schon vor zwölf Jahren so etwas von geirrt hat, wie es sonst nur die SPD tut.

Sich einmal zu irren, ist menschlich. Sich immer zu irren, ist sozialdemokratisch. Und von Tuten und Blasen keine Ahnung zu haben, absurde Forderungen zu erheben und die Zukunft grundfalsch zu prognostizieren, ist die einzige Leistung dieses Gutachtens.

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