Verhaltensethik statt Gesinnungsethik

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#722 von Joachim Thiel

Die Nürnberger Nachrichten (NN) loben am 19.03.2015 eine Parole, die in Nürnberg-Neunhof an eine barocke Gartenmauer gesprayt ist, als „eine unübersehbare Botschaft an die 50 Asylsuchenden, die seit kurzem in“ Neunhof untergebracht sind.

Neunhof ist ein seit 1972 zum Gebiet der Stadt Nürnberg gehörendes Dorf im Norden, das sein gewachsenes Gepräge der Baubeschränkungen in Flughafennähe wegen weitgehend erhalten hat.

Der Stadt Nürnberg gelang es, in Neunhof ein Anwesen anzumieten, in dem 50 Flüchtlinge – nicht wenig Leute für ein 900-Einwohner-Dorf – untergebracht werden konnten. Anfangs gab es bei der Dorfbevölkerung Beunruhigung. Beunruhigung aus Unwissen. Die Stadt organisierte im Saal des Dorfgasthofs eine Informationsveranstaltung, klärte über die Menschen auf, die kommen, über deren Schicksal und deren Traumatisierung aus Kriegserlebnissen. Ortssprecher und Stadtrat Konrad Schuh sagte „Leute, lasst uns menschlich sein“. Das war gute Vorbereitung und gute Kommunikation und ein gelungenes Beispiel, wie man Verständnis schafft und Ängste abbaut. In Neunhof gibt es deswegen heute faktisch keine Probleme.

Bedarf es da eines solchen dummen Graffiti? Ist es im Interesse der Kriegsflüchtlinge, eine 300 Jahre alte handgefügte Sandsteinmauer aus der Barockzeit zu beschmieren? Und hat diese platte, billige Gesinnungsbekundung das Lob der Presse verdient?

Mal abgesehen davon, dass die aus Syrien und Nordafrika stammenden Flüchtlinge kaum englisch sprechen. Hätte man für eine ‚Begrüßung‘ Baukultur verschandeln müssen?

Wer einen ehrlichen Willkommensgruß gewollt hätte, hätte ein Transparent aufhängen können. Mit einem „Willkommen!“ auf deutsch, der Sprache des asylgewährenden Landes. Und auf arabisch und französisch, den Sprachen, die diese vom Schicksal und Krieg geschundenen Menschen auch verstehen und lesen können. Das wäre ehrlich gewesen. Die Mauerbeschmierung ist ein billiger Pseudo-Aktionismus, und diese verlogene Art von geheuchelter Mitmenschlichkeit braucht niemand. Wirklich niemand.

Das Lob der NN hätten nicht Gesinnungssprayer verdient, sondern die Neunhofer Frauen, die für die gerade angekommenen Flüchtlingsfamilien Kuchen gebacken hatten. Sorry.

Das obere Bild zeigt Aristoteles, den Begründer der Ethik als eigenständige Disziplin der Philosophie. „Aristoteles Louvre“ von nach Lysipp – Eric Gaba (User:Sting), July 2005.. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aristoteles_Louvre.jpg#/media/File:Aristoteles_Louvre.jpg

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