Es wurde auch Zeit

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#711 Nürnberg. Einst eine der reichsten Städte der Welt. Eine Stadt, die Kaisern Heimstatt bot und mit weitreichenden Ereignissen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte des Heiligen Römischen Reichs verbunden ist.

Der moderne Mensch hat einen bestimmten Blickwinkel auf seine Stadt und deren Umgebung. Der Münchner, beispielsweise, betrachtet der Gardasee als gewissermaßen vor der Haustür gelegen. Der Frankfurter nimmt die dunklen Wälder des Taunus‘ als quasi ihm gehörig zur Kenntnis. Der Bremer betrachtet, ob das den anderen gefällt oder nicht, Bremerhaven als seinen innersten Beritt.

Und der Nürnberger? Lassen wir einmal die Hersbrucker Schweiz außen vor. Die Fränkische Schweiz ist schon arg weit weg; auch wenn man seinerzeit, als man vielleicht noch nicht ganz so bequem war, durchaus einiges auf sich nahm, um dorthin zu gelangen: mein Großvater für in während der Weimarer Republik noch jeden Sonntag mit dem Fahrrad (!) dorthin, weil er sich in ein Mädchen verguckt hatte. Nett. Für ihn als Lehrling war wohl noch die III. Klasse im dampflokgezogenen Zug auf die Dauer zu teuer. Nachrichten aus einer fernen Zeit; fast schon gar nicht mehr wahr in ihrer Inkompatibilität zu heutigen Lebensumständen.

Aber zurück zur Frage, was denn eigentlich der Blickwinkel der Nürnberger auf ihre Umgebung war. Und das war: Prag. Prag und Nürnberg, das war ein Wortpaar wie Nürnberg und Fürth, wie Nürnberg und München. Einst war Prag und Nürnberg eine feste Assoziation; kam das eine zum Gespräch, so war das andere nicht fern.

Das ist nicht mehr so. Es gehört zu den Folgen des II. Weltkriegs, daß es nur noch wenige Bindungen zwischen beiden gibt. Den Tschechen wurde von den Deutschen Unrecht getan, ihre Menschen wurden unter dem unsagbaren Wort „Untermenschen“ versklavt, gedemütigt, unter die Diktatur gezwungen, ermordet. Den Sudetendeutschen wurde von den Tschechen Unrecht getan, ihre Menschen wurden einem übriggebliebenen Ballast der Geschichte gleich vertrieben, ermordet, als Ethnie aus ihrem Gebiet getilgt. Das sind zwei Ereignisstränge der Geschichte, die zueinander nicht gleich sind, aber sie sind bei jeder Verschiedenheit beide Unrecht. Sie haben Opfer geschaffen, Menschen wurde zu Verlierern der Zeitläufte, und dies ist und bleibt jeweils ein Unrecht, das es anzuerkennen gilt.

Lange, allzu lange war der Blick aus der Noris nach Norden und nach Süden, nach Westen gerichtet. Der Nürnberger sah München, Würzburg, Stuttgart als sein natürliches Umfeld an. Daß es da noch eine vierte Himmelsrichtung gibt, kam ihm nur wenig zu Bewußtsein.

Nun beginnt nach zögerlichen Versuchen der letzten Jahrzehnte wieder eine Annäherung. Der Freistaat hat eine Repräsentanz – nennen wir es ruhig Bayerische Botschaft – in Prag eröffnet. Und nun hat Kultusminister Ludwig Spaenle eine Ausstellung über den vor 700 Jahren geborenen König und Kaiser Karl IV mit auf den Weg gebracht, die in Prag und anschließend in Nürnberg, im Germanischen Nationalmuseum, zu sehen sein wird.

Karl IV. selbst hat etwas von vom Krebsgang der deutsch-tschechischen, der bayerisch-tschechischen Beziehungen der Vergangenheit: da gab es Gutes, aber auch Abgründe. Karl IV. hat mit der gemeinhin (und falsch) „Goldenen Bulle“ genannten Regelung zur Kaiserwahl eine Art Verfassung des Heiligen Römischen Reichs geschrieben, die rund 500 Jahre in Kraft war. Das ist eine Leistung, die schon sehr beachtlich ist.

Übrigens ist der Name „Goldene Bulle“ deswegen nicht so treffsicher, weil jede öffentliche Urkunde des Kaisers auf Wunsch hin mit einem goldenen oder einem silbernen oder einem öden Wachssiegel bestellt werden konnte, und zwar auf Kosten des Bestellers, zum Beispiel einer freien Reichsstadt wie Nürnberg. Als Nürnberg diese berühmte Urkunde „in Kopie“ haben wollte, waren die Ratsherren knauserig und bestellten das Schriftstück nur mit einem silbernen Siegel. Deswegen ist die „Goldene Bulle“ in der Nürnberger Ausfertigung nur eine silberne Bulle, aber weil das nicht so toll klingt, hört man das seltener.

Karl IV. ist in der Geschichte für manches bekannt – aber da gab es auch auch eine schlechte Seite. Zu seiner Zeit wütete die Pest, eine den damaligen Menschen wenig verständliche Krankheit. Um den Untertanen eine Projektionsfläche für ihre Angst zu geben, lieferte er ihnen die ihm eigentlich schutzbefohlenen Juden zur Ermordung aus. Daß er dabei auch noch einen Raubzug beging, ist eben wahr und schlimm. Es soll nicht das einzige sein, woran wir heute bei Karl IV. denken, aber es gehört dazu. Dort, wie heute die Frauenkirche steht, lebten einst die Nürnberger Juden. Wenn man das Männleinlaufen betrachtet und den Spruch „dir or ist 1509 Jar volpracht“ („Die Uhr ist im Jahr 1509 vollbracht worden“) liest, hat das etwas damit zu tun, daß hier im Jahr 1349, also 160 Jahre zuvor, durch Mord und Brand eine Wüstenei geschaffen wurde. Karl IV. ist noch mit vielem anderen in der Geschichte mehr als eine Fußnote geblieben, er hat nicht nur den Namenspatron für die Karlsbrücke gegeben: Er war einer jener Kaiser, die dem Heiligen Römischen Reich – der Zusatz „Deutscher Nation“ kam erst 1486, also lange nach Karl IV. auf – Form gaben. Wohl nur Forscher wissen um Karl III., aber Karl IV. ist im kollektiven Gedächtnis geblieben – aufgrund guter und schlechter Taten, wie das eben so ist.

Die bayerische Staatsregierung und die tschechische Regierung knüpfen wieder festere Bande zwischen beiden, zwischen Prag und Nürnberg. Das ist gut so. Es wurde auch Zeit.

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