Mehr Licht

„Gluehlampe 01 KMJ“ von KMJ, alpha masking by Edokter - de.wikipedia, original upload 26. Jun 2004 by. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gluehlampe_01_KMJ.png#mediaviewer/File:Gluehlampe_01_KMJ.png
„Gluehlampe 01 KMJ“ von KMJ, alpha masking by Edokter – de.wikipedia, original upload 26. Jun 2004 by. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gluehlampe_01_KMJ.png#mediaviewer/File:Gluehlampe_01_KMJ.png

#704 Es sollen des Geheimrats Goethe letzte Worte gewesen sein: „Mehr Licht!“. Das allerdings wirkt zu gut erfunden, um wahr zu sein. Wenn er es aber doch tatsächlich gesagt haben sollte, an jenem Nachmittag des 22. März 1832, dann hat er damit bestimmt nicht LEDs gemeint.

Freilich, auch eine Glühbirne war kaum im Sinne des Dichters, dessen Sprachkönnen, dessen generalistischer Intellekt bis heute das Staunen der Welt sind (oder wären, wenn sie sich noch darum kümmerte). Weder das eine noch das andere gab es 1832, auch wenn die Glühbirne nur ein paar Jahrzehnte in der Zukunft lag.

Was für ein wohliges Licht kam mit der Glühbirne: es war sofort da, es war warm, behaglich, anheimelnd. Nichts davon ist die LED. Sie hat freilich ihren Nutzen, aber der ist doch auf einige Zwecke beschränkt. Die Wärme, also nicht im übertragenen, sondern im physikalischen Sinne, die von einer Glühbirne ausgeht, nehmen viele als Stromverschwendung wahr. Das ist sie gewiß auch, wenn beispielsweise Glühbirnen des Nachts ein Schaufenster beleuchten. Aber wenn sie ein Wohnzimmer erwärmen, dann ist dieser Effekt keineswegs unerwünscht.

Sie geben auch ein ganz anderes Licht. Wie schön, wie hell, wie klar ist eine ganz schwache, matte 25-Watt-Glühbirne im Vergleich zu einer extra „kräftigen“ LED. Was für einen Luxus haben wir Älteren (au weia) erlebt, als nach einem Druck auf den Lichtschalter sofort der Raum taghell erstrahlte: Das war Fortschritt, das war Modernität, dachten wir. Welch brutalem Irrtum saßen wir da auf!

Modern ist etwas ganz anderes: Man drückt auf den Lichtschalter, und es passiert: nichts. Ein paar Sekunden später fängt das wunderbar energiesparende Ding an, zu „leuchten“ wie im Nebel, ein nicht definierbares Grau zu erzeugen, das einen gedanklich auf einen Termin beim Augenarzt einstimmt. Oder aber LEDs: Es geht zwar sofort an, dieses Licht, aber bleibt kalt, starr, eisig, und hat die Leuchtkraft eines Radioweckerdisplays: Irgendwie ist es da, aber wirklich helfen tut es nicht.

Ich habe die Zukunft erlebt, ich bin dafür alt genug, aber die heute jungen Menschen kennen nur eine Art Ersatz. Es ist wie beim Kaffee: Man mag sich an Ersatzkaffee gewöhnen können, aber da wird immer einer Erinnerung an das Echte bleiben. George Orwell beschreibt das in „1984“ – ist das Buch noch so populär wie es damals war? Wahrscheinlich nicht: Diktatur und Krieg à la Putin gelten weithin nicht als Verbrechen, wenn Frau Krone-Schmalz und andere mit von der Partie sind. Was darauf hinweist, daß wieder vermehrt Glühbirnen zum Einsatz kommen sollten statt fragwürdiger Funzeln: Es mag ja einer verstehen, warum der Mensch Putin so ist wie er ist. Aber deswegen muß man ja nicht gut heißen, was dieser Mensch tut. Er hat viele Leben auf dem Gewissen, und da sollte man – bei Lichte betrachtet – nicht so tun, als seien die am Schnupfen gestorben.

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