Bin ich komisch oder sind die es?

Menschen @Gerhard Richter im NMN. © Freud
Menschen @Gerhard Richter im NMN. © Freud

#698 Am heutigen Sonntag endet in Nürnberg die Gerhard-Richter-Ausstellung, weswegen ich beschloß, sie noch zu besuchen. Um das traurige Ergebnis vorwegzunehmen: es wäre zumindest mir besser bekommen, dort nicht hinzugehen.

Das liegt nicht an Gerhard Richters Werken. Zwar habe ich meine Zugangsschwierigkeiten zu moderner Kunst, und besonders zu abstrakter, aber mir ist bewußt, daß das nicht an dieser Kunst, sondern an mir liegt. Es stimmt eben doch: man sieht nur, was man weiß.

Nicht nur ich war auf die Idee gekommen, dem Neuen Museum deswegen einen Besuch abzustatten: viele, für ein Museum ungewöhnlich viele Menschen drängten sich dort.

Nun ist das mit dem Benimm so eine Sache. Einer der Gründe, warum wir uns gut benehmen sollten: Wir sind schlichtweg zu viele, um uns schlecht benehmen zu können. Wenn der nächste Mensch in Fürth lebte, wäre es ziemlich egal, ob ich mitten am Hauptmarkt in der Nase bohrte. Da das aber nicht so ist, tun wir gut daran, das öffentliche Nasebohren zu unterlassen.

Die Erfahrung also lehrt: je mehr Menschen, desto wichtiger der Benimm. Für Museen gilt dies offensichtlich nicht. Nicht nur, daß leider viele Menschen wie ich auf den letzten Drücker kommen; nein, das wäre noch zu simpel.

Sie stehen – während ein Dutzend Menschen in ein paar Metern Abstand zum Bild Stellung bezogen haben, um keine Behinderung für andere zu sein – auf einmal einen Meter davor, damit sie endlich einmal ihre Rückseite möglichst vielen Betrachtern zuwenden können.

Auch tragen auffallend viele Menschen in Ausstellungen moderner Kunst eine Art von Garderobe, die vor Aschermittwoch noch anging, aber seither vor allem eines ist: deplaziert. Ich meine diesen Typus, der wohl morgens vor dem Schrank steht und sich fragt, welche Garderobe er heute wählt, damit man schon daran erkennt, daß er moderne Kunst mag. Was sage ich „mag“ – „verkörpert“ wäre treffender.

Da werden gehäkelte Mützchen aus gebetsmühlenhafter Bio-Schafshaltung aus Tibet in schriller Farbgebung getragen – auch wenn es ein warmer, sonniger Vorfrühlingstag ist und der mehr oder minder gesunde Mensch keiner Kopfbedeckung mehr bedarf.

Da wird ein Gehabe an den Tag gelegt, als sei ein Teil der Besucher mindestens Meisterschüler von Gerhard Richter. Da wird der Pinselstrich aus zehn Zentimeter Abstand geprüft, ob er auch ja nichts falsch gemacht hat.

Der Verfasser dieser Zeilen wird, das ist so ein persönlicher Zug, eher ungehalten, wenn im Restaurant am Nebentisch die Speisekarte vorgelesen wird. Schließlich kann jeder selbst lesen, und es hat etwas ungemein paternalistisches, dem ausgesetzt zu sein. Aber das ist ja noch Kinderkram im Verhältnis zu dem, was einem an diesem Wochenende bei Gerhard Richter geboten wurde. Da trottet also eine Gruppe von drei, vier „kritischen“ Besuchern daher. Obwohl jeder das kleine Heftchen erhielt, in dem eine rudimentäre Beschreibung jedes Bilds enthalten ist – liest es einer vor. Alle anderen Besucher müssen ebenfalls zuhören – aber hallo, das ist doch ganz egal – wichtig ist, daß man erkennt, wie ganz toll wichtig dieser eine Besucher ist. Ob man selbst gerade in der Lektüre der Beschreibung ein paar Zeilen weiter befaßt ist, ist diesen wichtigtuerischen „Hoppla, hier komme ich“-Zeitgenossen anscheinend egal, aber es ist quasi unmöglich, selbst einen Text leise zu lesen, der gleichzeitig laut verlesen wird.

Erstaunlich auch, daß manche Eltern meinen, eine Gerhard-Richter-Ausstellung sei der richtige Abenteuerspielplatz für ihren vierjährigen Nachwuchs. Um es gleich zu sagen: Das stimmt nicht. Die finden das nicht toll, und ich auch nicht. Die fangen dann an, miteinander Fangen zu spielen, was völlig normal ist. Am Klarissenplatz vor dem Museum würden sie damit auch niemanden stören. Aber hallo – ich wäre vermutlich ein böser Mensch, wenn mich das im Museum stört. Angeblich sind es Kinder. Nein, liebe Zeitgenossen, es sind die Eltern, die ihre Kleinen sinnloserweise dahin mitnehmen. Die Kinder können nichts dafür, deswegen heißen sie Kinder.

Nach einiger Zeit habe ich vom Betrachten der Rückseiten anderer Menschen genug, mahne mich, demnächst den Werken von Gerhard Richter wieder Aufmerksamkeit zu schenken und vor allem dann wieder ins Neue Museum zu gehen, wenn mehr Menschen da sind, die sich die Ausstellung ansehen möchten als solche, die sie nur als billigen Resonanzboden für ihre kinderstubenlose Selbstinszenierung mißbrauchen.

Bin ich komisch oder sind die es?

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