Auf der Straße

„Einkaufswagen-2“ von de:benutzer:aeggy - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Einkaufswagen-2.jpg#mediaviewer/File:Einkaufswagen-2.jpg
„Einkaufswagen-2“ von de:benutzer:aeggy – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Einkaufswagen-2.jpg#mediaviewer/File:Einkaufswagen-2.jpg

#689 Neulich im Supermarkt: Eine junge Frau läuft durch die Gänge, vollgepackt mit Bio-Tofu, veganen Brotaufstrichen, einem als cool geltenden Getränk und vielen anderen Dingen. Sie trägt alles auf den Armen, balanciert ihre Einkäufe dort, und ich frage mich, wie jemand, der nicht alltagstauglich genug ist, um einen Einkaufswagen zu benutzen, gleichzeitig genügend vom Leben versteht, um zu solch komplexen Fragen wie Ernährung überhaupt einfach eine akzeptable Meinung zu haben.

Gleichwohl: Die junge Frau kann gleichzeitig eine anspruchsvolle Ausbildung absolviert haben, sie kann zu einem anderen Thema durchaus etwas Ordentliches beitragen. Das ist mir durchaus bewußt, auch wenn sie gerade selten unbeholfen auftritt.

Und überhaupt: Selbst wenn sie das nicht kann – mit welchem Recht würde ihr jemand die Mitsprache verweigern? Mit keinem. Das, was einer für Bildung oder sachliches Nachdenken hält, kann kein Kriterium für Teilhabe am demokratischen Prozeß darstellen – schon deswegen nicht, weil man das gar nicht neutral feststellen kann. Und selbst wenn man es könnte – es liefe drauf hinaus, daß wir von unseren (wie auch immer zu definierenden) Eliten beherrscht würden, und das kann es nicht sein.

Es geht vielmehr darum, daß wir auch hieran erkennen, daß die repräsentative Demokratie die einzig richtige, weil – um mit Churchill zu sprechen – am wenigsten schlechte Form sei. Wir suchen uns unsere Staatsform nicht etwa unter vielen tollen Formen aus – sondern unter ganz vielen Schlechten, ganz Schlechten und etwas Schlechten. Auch die repräsentative Demokratie ist nicht ohne Tadel. Aber das müssen wir hinnehmen, denn jede – absolut jede – andere Möglichkeit ist um so vieles schlechter, daß die Wahl nicht schwer fällt.

Die repräsentative Demokratie mag im Wolkenkuckucksheim vielleicht keine Begeisterungsstürme auszulösen; da mag man von Platons Staat reden oder ähnlichem. Aber das ist egal, denn das ist nicht wirklich. In der Wirklichkeit haben wir noch nie etwas besseres gehabt als die repräsentative Demokratie unter Kontrolle des Rechts durch das Bundesverfassungsgericht. Alles in allem ist das die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die jeden sicher und frei leben läßt. Und das ist doch ziemlich gut.

Woran es aber mangelt, und was deutlich besser werden kann: Die Teilhabe der Menschen. Es ist leicht, zu jedem Thema eine Meinung zu haben, aber sie sich anständig zu bilden und zu wissen, wovon man spricht, das ist schon eine Herausforderung. Man darf übrigens auch durchaus mal zu einem Thema schweigen, wenn man dazu nichts weiß. Es ist leider Mode geworden, daß zuweilen die Meinung um so lauter in die Welt hinausgeschrien wird, umso weniger sie irgendetwas mit Wissen zu tun hat.

Auch hier wirkt sich wieder aus, daß die Menschen sich um so mehr einbringen, je schlechter es vielen geht, und sich zufrieden und satt zurückhalten, wenn es vielen gut geht. Das ist ein systemimmanentes Problem, aber es ist doch unsere Aufgabe, Menschen wieder und wieder dazu zu bringen, sich für das Gemeinwesen einzusetzen.

Das klingt sperrig und trocken, aber doch ist es wahr: Die Demokratie braucht engagierte Demokraten.

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