Mehr Grundsätze wagen

„Montesquieu 1“ von Unbekannt (Französische Schule) - Unbekannt. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montesquieu_1.png#mediaviewer/File:Montesquieu_1.png
„Montesquieu 1“ von Unbekannt (Französische Schule) – Unbekannt. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montesquieu_1.png#mediaviewer/File:Montesquieu_1.png

#688 Dekadenz ist eine immerwährende Gefahr desjenigen, dem es gut geht. Das weiß jeder aus dem täglichen Leben. Wer sich einer Gefahr nicht mehr bewußt ist, wird Risiken ignorieren, weil er sich das leisten kann. Dem Hunger Leidenden verdirbt kein Essen. Der kann es sich nicht erlauben, mit Nahrung unsorgsam umzugehen. Vielen Menschen heute und hierzulande ist derlei recht egal. Man kann deswegen auch nur noch schlecht nachempfinden, wie wertvoll etwa im Sommer 1945 eine Packung Zigaretten selbst für Nichtraucher war.

Uns geht es gut, uns geht es seit Jahrzehnten gut. Wir sind unbestreitbar in der Gefahr, daß wir das für selbstverständlich halten, daß wir uns daran gewöhnen.

Unser Frieden ist – oder besser: war – gesichert. Seit ein, zwei Jahren ist die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung in mehrfacher Hinsicht gestiegen.

Unsere Freiheit ist – oder besser: war – gesichert. Erstmals seit langem versuchen welche, mit Mord und Erpressung die freie Meinung zu unterdrücken.

Unsere Gesellschaft ist – oder besser: war – gesichert. Noch vor kurzem gab es einen breiten common sense, wo wir zwischen den Antipoden „Freiheit“ und „Sicherheit“ stehen, und das, was schnöde „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ heißt, wurde von nahezu allen bejaht. Lediglich ein paar randständige Zeitgenossen lehnten diesen breiten, absichtlich zurückhaltend formulierten Rahmen ab: fast jeder wollte ihn, fühlte sich dort wohl und bejahte das Gesellschaftsmodell, das wir haben.

All das hat sich geändert. Ein Herr Putin maßt sich an, in ein anderes Land hineinzuregieren und zu töten. Es ist völlig egal, ob die Ukraine der Staat ist, der sie sein könnte. Um die Brutalität Putins an einem Beispiel deutlich zu machen: Stellen wir uns zwei Nachbarn vor, von denen der eine im Schichtdienst arbeitet. Der andere mäht seinen Rasen gerade dann, wenn der eine schlafen möchte. – Dann hat der Schichtarbeiter zwar das Recht, sich beim Nachbarn zu beklagen. Er klann auch natürlich vor Gericht gehen, um dem anderen sagen zu lassen, was er darf und was nicht. Aber er darf eben nicht beim Nachbarn die Tür eintreten und dessen Kinder schießen.

Aber wir – wir sitzen vor dem Feuilleton und streiten darüber, ob der Hauptmarkt für Radfahrer freigegeben werden soll oder nicht. In gewisser Weise gleichen wir jemandem, der aus dem Flugzeug fällt und sich im Fallen über unpolierte Fingernägel grämt.

Freilich, auch die scheinbar unwichtigen Fragen sind stets des Einsatzes wert, und es ist eine zu simple Argumentation, die da behauptet, daß man sich um nichts anderes zu kümmern habe, bis die Weltglückseligkeit hergestellt sei. Aber man muß erkennen, daß man sich eben nie auf dem scheinbar Erreichten ausruhen kann, da das Erreichte nicht automatisch erreicht bleibt, sondern erhalten werden muß. Ein Haus bleibt auch nur dann stabil, wenn man es nach den Regeln der Baukunst wartet und überholt.

So sind wir also durch die schlechten Veränderungen auf der Welt gehalten, uns über Frieden, Freiheit und die freiheitlich-demokratische Grundordnung erneut und immer wieder zu kümmern. So sehr es im Detail Diskussionen geben wird, und zwar zurecht, etwa über die Fragen etwa der Grenzziehung zwischen Frieden und Freiheit – die zueinander stets in Widersprich stehen -, so sehr ist es auch wichtig, daß wir wieder zu einem wohl verloren gegangenen Konsens finden, was diese Gesellschaft ist und was sie nicht ist.

Dahinter steckt etwas Schwieriges: man muß auch einmal Nein zu etwas sagen. Merkmal der Dekadenz ist es, zu allem Ja und Amen zu sagen. Aber wenn man eben das tut, dann erklärt man sich für desinteressiert, dann ist man gleichgültig und nicht etwa tolerant, dann ist man nicht selbstbewußt-großzügig, sondern unsicher-schwammig.

Wir müssen wieder mehr und stärker für unsere Grundsätze eintreten.

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