History in the making

Die "cabinet war rooms", zentraler Kommandostand der britischen Regierung im Zweiten Weltkrieg
„Cabinet war rooms“, der zentrale Kommandostand der britischen Regierung im Zweiten Weltkrieg

#685 Als der Krieg zu Ende ging und auch aufgrund einer erfolgreichen Arbeit der britischen Geheimdienste die deutschen V2 immer nördlicher von London über Äckern detonierten, verließen Winston Churchill und sein Kabinett allmählich die Räume, von denen aus sie den Zweiten Weltkrieg geführt hatten.

Da sie nicht wußten, ob sie die Räume nicht doch noch einmal bräuchten, ließ man sie in funktionsfähigem Zustand. Diese Räume, bekannt als „cabinet war rooms“, liegen im Keller des Finanzministeriums, nur ein paar Schritte vom Außenministerium und vom Parlament in London entfernt.

Sie waren so unbekannt, daß sie erst im 1980 herum von Margaret Thatcher der Öffentlichkeit vorgestellt und zum Museum gemacht wurden. Sie waren so umwoben von Geheimnissen – selbst die Menschen, die dort arbeiteten, hielten den winzig kleinen, abschließbaren Raum für Churchills private Toilette – in Wahrheit war es eine nach damaligem Können extrem gesicherte Telefonzelle mit einem Gegenstück in Washington, D.C.

Weil man sie verließ, um sie gegebenenfalls sofort wieder nutzen zu können, blieben diese Räume in exakt dem Zustand erhalten, samt Landkarten, Funkbüchern, Nachschlagewerken. Zuweilen blieben Mäntel an der Garderobe hängen, oder eine Schachtel mit Churchills Zigarren wurde stehen gelassen.

Das ist nicht nur erstaunlich, wenn man als Tourist die Räume, die natürlich schon lange ein Museum sind, besucht. Es ist auch erheiternd, wenn man entsprechende Szenen in alten Kriegsfilmen sieht. Aber jedenfalls sind diese Räume und die Tatsache, daß sie erhalten sind, ein Glücksfall.

Nun haben wir in Nürnberg ein in gewisser Hinsicht vergleichbare bauliches Relikt: den Sitzungssaal 600, in dem das IMT (International Military Tribunal), die „Nürnberger Prozesse“, stattfanden.

Natürlich geht es, da hat Dr. Oscar Schneider ganz recht, beim historischen Wert des Saales um ein Abstractum, um die Nürnberger Prinzipien – und für die braucht es keinen Zustand à la 1946. Für die braucht es aber auch keinen konkreten Saal; die sind nicht an Wände, Tische, Kopfhörer gebunden. Die Nürnberger Prinzipien sind gewissermaßen sublimiert, sie haben sich im intellektuellen Raum verselbständigt und bedürfen deswegen nicht mehr zwingend eines wirklichen Raums mit seiner haptischen und taktilen Qualität.

Man stelle sich mal für einen Moment vor, dieses Nebengebäude des Nürnberger Justizpalastes wäre abgerissen worden und man hätte, angesichts der am Justizpalast ewigen, quälenden Parkplatznot eben dieses draus gemacht: einen Parkplatz. Für die Nürnberger Prinzipien hätte das kaum einen Verlust bedeutet: die sind, Raum hin, Raum her, für sich bedeutend und bedürfen des räumlichen Ankers nicht.

Aber es würde für fast alle Menschen der Bezug fehlen. Man braucht doch den direkten Bezug, man will sehen, wie es wahr.

In Nürnberg wurde das erste Mal in der Geschichte die Simultan-Übersetzung durchgeführt. Natürlich ist es deswegen richtig, wenn man die klobigen Mikrophone, die Kopfhörer, die verschlossene Dolmetscherbude in der Ecke sieht – wenn man Papier und Akten sieht, denn ein Strafprozeß ist nun einmal ein Werk, das auf Papier und Akten beruht.

Auch die Monströsität der Verbrechen, die dort verhandelt worden sind, soll bitte nicht dazu führen, daß man in bangem Erschrecken das ganze Geschehen ins Unfaßbare verrückt, sondern daß man sich dem Geschehen stellt. Hier war es, wo die Angeklagten saßen, wo Zeugen wie einerseits der Ex-Kommandant des KZ Auschwitz Höß oder zur Vernichtung bestimmte Insassen der Lager ihre bis heute, als Tondokument erhalten, erschütternden Aussagen machen.

Es ist richtig, wenn man den Zeugenstand dort sieht, wo er damals war und wie er damals aussah, und sich in der drangvollen Enge des Saales ausmalt, wie er gewirkt haben muß. Diese Phantasie der Menschen, die wir ansprechen wollen und sollen, kann stark und gut genutzt werden, wenn der Saal im damaligen Zustand ist, als seien die Richter nur eben zu einer kleinen Pause aufgestanden.

Es ist zwar wahr, daß man vermeiden muß, daß das nach „neuen Schreinerarbeiten“ aussieht. Aber daß der Saal vermittelt, wie er damals beschaffen war – um 90 ° gedreht, beispielsweise -, das soll schon sein.

Deswegen ist das Vorhaben, diesen Saal in seinen historisch relevanten Zustand zurückzuversetzen, zu unterstützen.

Advertisements