Kampf der Bilder

In der Mitte unten: Der Nelson-Mandela-Platz in Nürnberg; © Google Earth
In der Mitte unten: Der Nelson-Mandela-Platz in Nürnberg; © Google Earth

#679 Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und spricht für sich selbst. Oder? Oder.

Gerade weil ein Bild so tut, als gäbe es das gesamte Narrativ wieder, ist es erklärungsbedürftig und muß kontextualisiert werden. Der Betrachter sollte eine gesunde Skepsis an den Tag legen – Zweifel war schon stets der Nachweis von Intelligenz.

Bilder sind auch keineswegs nur dafür da, um die Wirklichkeit zu zeigen, sondern manchmal auch, um das Hier und Jetzt zu kaschieren und einer angestrebten Wirklichkeit Platz zu machen. Das mag manches Mal in den Augen vieler gut sein oder auch schlecht – aber es ist der Einsatz einer Manipulation, und hier gilt wie stets: der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Wer ein anständiges Ziel hat, dem kann auch zugemutet werden, dafür mit anständigen Mitteln einzutreten. Und sind die Mittel manipulierend, dann ist das damit verfochtene Ziel zwar nicht zwangsläufig ein falsches; aber Zweifel sind zumindest angebracht.

Worum geht es? Um den Nelson-Mandela-Platz hinter dem Hauptbahnhof. Und jawohl, er liegt nicht einfach südlich vom Bahnhof, sondern hinter ihm. Beinahe jede Stadt hat eine Vorder- und eine Rückseite, und letztere ist beinahe überall in Deutschland am Hauptbahnhof. Man schaue nur nach Erlangen oder nach München oder nach Augsburg und so weiter. Nun kann man das natürlich ändern, indem man beispielsweise wie in Stuttgart den Bahnhof in die Erde versenkt oder wie in Berlin, wo man den Bahnhof auf eine durch die Teilung entstandene Brache stellt. Aber beides steht in Nürnberg nicht zur Diskussion.

Und deswegen ist es freilich ein Kampf der Bilder, wenn von interessierter Seite ein Bild von diesem funktionalen Platz der Stadt, der alle angeht, gezeigt werden, in denen fröhliche Kinder (politisch korrekt!) fröhlich durch’s Bild laufen, während ein feinsinniger Freigeist im Schneidersitz auf einer Bank hockt und liest. Ansonsten noch recht viel Grün, und fertig ist die Inszenierung – möchte man meinen.

Aber natürlich stimmt dieses Bild nicht. Ein Park hinter’m Bahnhof hat, und das wissen wir, keine Chance. Er wird das natürliche Rückzugsgebiet derer, die man vor dem Bahnhof nicht mehr sehen will. Er wird Schauplatz von Szenen à la Tatort werden. SÖR müßte seinen Hauptsitz dorthin verlegen, um Schlimmeres zu verhindern.

Das Problem vom Platz hinter dem Bahnhof ist nicht, daß dort Kinder keine Grünfläche zum Herumtollen vorfinden würden. Zum einen ist ja schon die Vorstellung falsch. In den Nürnberger Grünflächen ist das mit dem Herumtollen von Kindern so eine Sache, die meistens gar nicht erlaubt ist. Hier empfehle ich zur Sachverhaltserforschung einen Aufenthalt im Stadtpark, um die „tollenden Kinder“ zu zählen. Die eigenen Finger dürften dafür locker ausreichen.

Hier geht es um ein Stück Stadt, das funktional ist und sein muß. Deswegen kann und soll man es natürlich trotzdem schön gestalten und als Eingangstor zur Südstadt ansprechend machen, aber das muß freilich in Übereinkunft mit der Realität geschehen. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Frau, die den begrünten, verschatteten Platz nachts überqueren muß, Angst haben muß, ist bei der Umsetzung der verkitschten Phantasie weitaus größer als die Wahrscheinlichkeit herzhaft spielender Kinder.

An dieser Stelle wird keineswegs ein fertiges Modell präsentiert und die Meinung vertreten, eine fertige Lösung anzubieten. Aber es wird doch und mit Nachdruck festgestellt, daß die mit kitschigen Versatzstücken garnierte Lösung keine ist.

Beim Friedrich-Ebert-Platz stand die Funktionalität im Vordergrund – und wurde leider nicht menschenfreundlich und schön anzusehend umgesetzt. Aber, und das muß man schon zugeben: Bei aller heutigen Häßlichkeit des Platzes erfüllt er seine Funktion als vorstädtisches Verkehrszentrum. Beim Nelson-Mandela-Platz muß natürlich dessen Funktionalität – einschließlich Parkplätzen, die beim Bahnhof einfach notwendig sind – im Vordergrund stehen, und dann muß man es dort besser machen als beim Friedrich-Ebert-Platz.

„Die SPD kann keine Plätze“ – dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von einer in ihrer Partei weit geachteten SPDlerin. Vielleicht liegt das daran, daß man immer wieder versucht, sie zu in Beton gegossenem Parteiprogramm zu machen. Zuweilen ist es besser, wenn man weniger will.

Wenn man will, daß der Platz hinter dem Bahnhof, den nach Nelson Mandela zu benennen, aufgrund seiner jetzigen Schäbigkeit man nicht nur gut finden muß, besser aussieht, dann muß man erst einmal fragen, welche Aufgaben er erfüllen soll und muß, und dann soll man sich an eine ansehnliche Gestaltung machen.

Verbohrte Klischees in politisch korrekter Manier auf ein Bild zu juxen, um mit der sich eben daraus ergebenden suggestiven Kraft den Verstand irrezuleiten, ist nicht der richtige Weg.

Advertisements