Utopia

Finanzminister Dr. Markus Söder © Freud
Finanzminister Dr. Markus Söder © Freud

#678 Ein Szenario: All die Gutmenschen setzen sich durch. Ein Gutmensch ist, da widerspreche ich dem Michael Ziegler, nicht definiert als einer, der sich kümmert (dazu muß man kein Gutmensch sein), sondern einer, der andere etwas tun lassen will, damit er sich gut fühlt.

Wir stellen uns also vor, daß wir alle ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Erst beißen wir in einen veganen Knödel und ziehen uns die verbotenen Lederschuhe aus, dann fahren wir kostenlos mit der U-Bahn, die wegen der Abschaffung der Autos im 10-Sekunden-Takt fahren muß, vorbei an übergroßen Ampelmasten – damit all die Griffe für Radler und andere Platz haben -, in die Innenstadt und feiern gemeinsam bei einem Glas politisch korrektem Pegnitzwasser die Beendigung der Staatskrise in Griechenland. Dazu kam es, indem NN und NZ eingestellt wurden und im Druckhaus nur noch Geldscheine für Griechenland gedruckt werden, die per Lastkarren dorthin transportiert werden. Per Lkw wäre umweltschädlich, der Kanal ist wegen „wir mögen keine Großprojekte“ geschlossen, und der Nürnberger Flughafen ist ein Gelegenheitsflughafen geworden, der nur zwischen 11 und 12 Uhr für Hilfsflüge geöffnet ist.

Wollen Sie so leben? Ich nicht. Und deswegen freue ich mich, wenn Markus Söder auch bei der schon ihrer Haartracht wegen lustigen Sahra Wagenknecht Paroli bietet. Wobei: die ist in ihrem biestigen Haß auf die Gesellschaft sowieso ein zwar schwieriger, aber auch ein extremer Gesprächspartner. Zum Glück ist sie in dieser Gesellschaft oben; wer weiß, was wäre, ginge es ihr nicht so „privilegiert“.

Nicht also Sahra Wagenknecht war es, die für Markus Söder die spannende Diskussionsgegnerin bei Jauch war – nein, es war doch eher die bei „Hart, aber fair“ am Montagabend mitdiskutierende Tanja Nettersheim, die in Griechenland lebt und arbeitet. Sie verstand es nicht schlecht, die Debatte so zu lenken, daß man bitte nicht auf Ursache und Wirkung zu sprechen kam, sondern darauf, daß es den Griechen derzeit schlecht geht, und was das im einzelnen bedeutet.

Aber so ist das immer, wenn man ein abstraktes Problem auf’s einzelne Schicksal herunterbricht: es berührt einen, es löst den Ruf nach einer Änderung aus, es spricht nicht den Intellekt, sondern die Emotion an. Das Dumme daran ist nur, daß der heutige Mensch sich nicht deswegen vom Steinzeitmenschen unterscheidet, weil er nur auf’s Gefühl hört, sondern weil er gelernt hat, seinen Verstand zu gebrauchen.

Das heißt nicht, daß man gefühlskalt sein soll. Das wäre in der Tat kein guter Politiker, der das wäre. Aber es heißt, daß man – vergleichbar dem ewigen Konflikt zwischen Ich, Es und Über-Ich – seinen Verstand gebrauchen soll, um das emotional Gewünschte auch tatsächlich zu erreichen.

Wenn einer Hunger hat, könnte man ihm einen Fisch zum Essen geben. Dann wäre ihm geholfen. Allerdings nur so lange, bis er wieder Hunger hat. Dann müßte man ihm wieder helfen. Und wieder und wieder… Intelligenter wäre es, ihm das Fischen beizubringen. Dann kann er sich selbst helfen – und das ist zweifelsohne viel besser.

Griechenland ist in einer schwierigen Lage, die durch die Regierung der linken und rechten Populisten auf viel Geschrei hin steuert, aber nicht auf eine Verbesserung der Lage. Es würde wohl nichts bringen, ihnen den Markus Söder zu schicken. Schon einmal erbaten die Griechen einen Bayern und machten ihn zum König. Es ist dann doch zu bezweifeln, ob der Markus Söder das will, aber vor allem: es brächte wenig. Wir würden ihn verlieren, und in Griechenland hat eine Stimme der Vernunft in der gegenwärtig aufgeheizten Atmosphäre wenig Bedeutung.

Es ist gut, wenn er hier seine Arbeit macht. Auch deswegen war er am Montag in dieser Diskussion: Er war nicht eingeladen als einer, der nicht helfen wollen würde oder als hartherziger Irgendwas; nein, er war eingeladen, weil er nicht nur verständliche Sätze formulieren kann (ja, ja, Frau Wagenknecht und andere!), sondern vor allem, weil er seine Arbeit gut macht und offensichtlich etwas von ihr versteht.

Die anderen sind böse, wenn er ihnen seine Politik entgegenstellt. Aber in Wahrheit ist es doch eher ein Projektionsproblem: Sie sind eigentlich sauer, weil ihnen die ach so böse Realität einen Strich durch die Rechnung macht. Und weil einer wie Markus Söder eine intellektuell vernünftige Sicht hat, und weil die Realität kaum als Person in einer Fernsehrunde teilnimmt, projizieren sie ihre Wut auf ihn – der also gar nichts dafür kann.

Der Fehler steckt doch wohl eher darin, daß sie, die Gutmenschen, einen verquasten Blick auf die Wirklichkeit haben, ihr Wollen nichts bringt und dann jemand, der das Ganze ernst nimmt und weiß, was er tut, für sie die unangenehme Arbeit erledigen soll, auf daß sie sauer auf ihn sind, weil es dabei nicht so nett zugeht wie im Streichelzoo.

Daß diese Welt ein etwas besserer Ort wäre, wenn nicht die Utopisten das große Wort schwingen würden, sondern einfach einmal zu Dingen, von denen sie erkennbar keine Ahnung haben, schwiegen, bis sie sich schlau gemacht haben – das ist eine banale Erkenntnis, eine Binse. Aber trotzdem wird man sich das ja mal vorstellen dürfen. Als – positive – Utopie, gewissermaßen.

Advertisements