Ausruferitis

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#666 Ein trauriges Zeichen unserer Zeit ist, daß die Verpackung um so schriller, desto kläglicher der Inhalt ist. Achten Sie darauf, wenn Sie einmal viele Ausrufezeichen in einem Text sehen. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Inhalt dürftig ist, steigt mit der Anzahl der Ausrufezeichen exponentiell.

Ausrufezeichen hießen früher einmal „Befehlszeichen“ und wurden in der Tat nur hinter Befehlen wie „Antworte!“ gesetzt – oder, etwas komplizierter und seltener, statt des Fragezeichens bei Fragen, die in indirekter Rede wiedergegeben wurden.

Natürlich kennen wir das auch verballhornt in ironisierenden, persiflierenden Texten wie etwa, aus Zeiten der 0190-Nummern, mit „Ruf! Mich! An!“; aber das sind verspottende Ausnahmen, die hier nicht berücksichtigt werden müssen.

Jede Zeit hat ihre unerklärten Erscheinungen. Gegenwärtig sind es unter anderem Zottelbärte à la IS, nicht mehr zu blinken, veganer „Döner“. Das wird alles bald überwunden sein und vergessen werden, steht zu hoffen. Die Ausruferitis gibt es hingegen schon locker an die hundert Jahre, und sie ist mal stärker, mal schwächer immer da! Das komische daran ist: Einen Text, der sinnloserweise mit Ausrufezeichen durchsetzt ist, kann man gar nicht mehr lesen! Denn beim Lesen betont man anders: man hebt die Stimme zum Satzende, und senkt sie nicht!

Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn der Wein gut ist, verdünnt man ihn nicht mit Wasser. Wenn der Wein nicht gut ist, hilft die Zugabe von Wasser nicht, ihn besser zu machen. – Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal will man einfach lieber eine Weinschorle trinken. Das ist auch völlig in Ordnung. Will sagen: Wer hinter einen normalen Satz ein Ausrufezeichen setzen will, kann das natürlich tun. Aber er soll wissen, daß er damit den Inhalt bestimmt nicht besser macht. Der nämlich lebt von den Worten, erlangt Bedeutung durch seinen Inhalt. Eine Ansammlung von Plattitüden wird nicht dadurch zum nachdenklichen Text, indem ich ihn rot anstreiche. Oder mit Ausrufzeichen versetze. Oder beides tue!

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