Gegen den vorauseilenden Gehorsam

Reden Sie? © Freud
Reden Sie?
© Freud

#662 Die ersten Neujahrsempfänge sind gewesen, die nächsten harren unser. Hier und an dieser Stelle seien einige Hinweise an Redner zusammengestellt, um die Vorbereitung zu erleichtern.

  • Es ist zwar ein guter Ansatz, mehr Zuwendung der Menschen im Leben untereinander zu fordern. Freilich, wenn man an die Griesgrämigkeit denkt, die den einen oder anderen gerade heute, an einem Montagmorgen erwischt – ein guter Gedanke. Wenn ich allerdings versuche, ihn den Opfern islamistischer Haßverbrecher anzubieten, dann werde ich wohl auf keine positive Resonanz stoßen. Um es ganz klar zu sagen: mit einer AK-47 unter’m Kinn beeindrucke ich meinen Mörder nicht, indem ich besonders nett zu ihm bin. Das ist so ähnlich klug wie der neulich gemachte Vorschlag einer Dame, es mögen „mehr Frauen“ in die Regierungen, damit der Nahost-Konflikt gelöst werden würde. Ach ja? Diejenige dachte bei ihrem garantiert durchdachten® Vorschlag natürlich nicht an die Hamas.
  • Es ist zwar ein guter Ansatz, „je suis Charlie“ in einem möglichst großen Schild auf dem schäufela-genährten Brust-Bauch-Bereich zu tragen. Allerdings ist schon mal zu hinterfragen, was damit bezweckt wird. Es ist doch reichlich wohlfeil: kostet nichts und bringt nichts. Ja, eine der Karikaturen von Charlie Hebdo vorzuzeigen, und zwar einer derer, die zu den Morden führten, das wäre etwas anderes. Aber dazu reicht der Mut nicht bei jedem. Da merkt man, daß die Morde schon wirken: Sie verbreiten Angst und Schrecken. Das ist der Sinn von Terrorismus. Aber aus der relativen Feigheit eine wohlfeile „Seht mal her, ich bin für die Meinungsfreiheit – wenigstens solange ich damit nichts riskiere“-Show zu machen, ist doch etwas billig. Die sogenannte „Solidarität“ verkommt solcherart zum Popanz.
  • Es ist zwar ein guter Ansatz, die Toten von Paris nicht „mißbrauchen“ zu wollen. Aber wer tut das? Diejenigen, die daraus politische Forderungen herleiten? Ja, gut, das mag man so sehen. Aber dann – dieses Denken in Kriterien von Gut und Böse will noch gelernt sein – gilt das für alle: Die Satiriker von Charlie Hebdo, die Kunden in dem koscheren Supermarkt sind nicht dafür ermordet worden, daß jetzt irgendein Politiker sich die Morde an ihnen zunutze macht, sondern sie sind ermordet worden unter Rufen, die wir alle kennen. Ich kenne niemanden, der die normalen Gläubigen einer Religion unter „Generalverdacht“ stellt, aber ich kenne manche, die nicht einmal den Namen dieser Religion nennen wollen, aus der sich als Avantgarde jene Mörder herausbilden. So einfach, jeden Zusammenhang zwischen ihrem wirren Glauben und ihren Taten zu leugnen, sollen wir es uns nicht machen. Daß diese Mörder eher einer Beate Zschäpe ähneln, als meinem muslimischen Nachbarn, sollte jedem klar sein. Nicht, wer an Allah glaubt, ist suspekt – aber wer andere Menschen für ermordbar erklärt, weil ihm irgendetwas an ihnen nicht paßt, ist – pardon für das altmodische Wort – böse.
  • Es ist zwar ein guter Ansatz, daß unser Staat vorsichtig sein muß mit dem Erfassen von Daten. Aber dieser Ansatz wird natürlich kindisch, wenn zwar Zalando und amazon alles von uns wissen, um uns das neueste Sonderangebot maßgeschneidert anzubieten und die Polizei genau gar nichts wissen darf. Aber wir müssen schon wissen, und darin hat Wolfgang Schäuble Recht, daß wir die Polizei und die Geheimdienste zu Trotteln machen, wenn wir ihnen weniger erlauben als unserem Supermarkt („Ham Se schon ne Kundenkarte?“). Aufgemerkt: Bei der Vorratsdatenspeicherung geht es darum, daß die Mobilfunkanbieter die Daten, die sie sowieso haben, drei Monate aufheben, um sie auf richterlichen Beschluß der Polizei zu geben. Deswegen ist das die Vorratsdatenspeicherung. Und gegen die spricht genau gar nichts.

Man mag diese Hinweise an einen Teil der Debattenredner, die in den Medien so etwas von präsent sind, daß es nervt, für eine harmlose Witzigkeit halten. Aber wenn einem mehr und mehr entgegenschallt, daß die Meinungsfreiheit angeblich ihre Grenzen irgendwo in den Gefilden des guten Geschmacks haben müsse, dann werde ich wütend. Es ist schon so, wie alle Redner auf dem gestrigen Neujahrsempfang der CSU im Nürnberger Westen sagten, Staatsminister Markus Söder, Bundesminister Christian Schmidt und Bundestagsabgeordneter Michael Frieser: Die Freiheit ist ein Gut der westlichen Wertegemeinschaft, das wir uns nicht nehmen lassen.

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