JFK: „Ask not, what your country can do for you, ask what you can do for your country“

Den Satz im Titel sprach Präsident Kennedy. Das Bild ist gemeinfrei.
Den Satz im Titel sprach Präsident Kennedy. Das Bild ist gemeinfrei.

#635 Erstaunlich war, in der Tat, wie viele Menschen den Leitantrag für den kommenden CSU-Parteitag kommende Woche in Nürnberg als schlecht erachten, daß Zuwanderer aufgerufen werden sollen, auch zuhause auch deutsch miteinander zu sprechen.

Programme wie „no child left behind“ („Kein Kind wird zurückgelassen“) finden hierzulande breite Zustimmung. Aber wenn es um die Mitmach-Kompetenz von Zuwanderern geht, dann bilden sich auf einmal die angeblich ach so progressiven Kräfte ganz viel auf ihr Zögern und Zaudern ein.

Wie stets, wenn etwas so scharf kritisiert wird, wird es spannend. Offensichtlich prallen hier Grundsätze aufeinander. Dröseln wir das mal auf.

Zum einen ist ein Aufruf etwas anderes als eine Vorschrift. Niemand denkt daran, irgend jemandem eine Vorschrift zu machen. Es ist immer noch die Sache der Familien selbst, wie sie miteinander sprechen. Eine Aufforderung ist nicht mehr und auch nicht weniger als daß ein allgemeiner Anspruch manifestiert wird, diese Sprache als verbindendes Element aller und als wichtigen Zugang zu gelungener Integration für jeden zu nutzen.

Es ist zweitens, soweit hier bekannt, keineswegs eine Aufforderung, keine Zweitsprache zuhause zu sprechen, wie das in vielen Familien üblich und auch richtig ist. Richtig aber ist es, wenn auch zuhause auch deutsch miteinander gesprochen wird. Was ist damit gemeint? Damit ist gemeint, daß beispielsweise ein Schulkind, das ganz gut deutsch kann, nicht mehr mitanschauen will, daß die eigene Mutter schon wegen mangelnder Sprachkompetenz viel mehr zuhause bleibt, als gut für sie ist und selten nach draußen geht, wo sie im Umgang mit anderen Menschen ihre Unkenntnis des Deutschen offenbaren muß. Dann kann das Kind sagen, daß der Ministerpräsident dazu aufruft, auch zuhause auch deutsch zu sprechen und damit die Mutter in einen Sprachunterricht miteinbeziehen. Die Kenntnisse der früheren Sprache der Familie gehen deswegen nicht verloren oder werden schwächer, aber die Kenntnisse des Deutschen werden zumindest bei einem Teil der Zuwanderer besser.

Zielgruppe ist nicht der in Arbeit und Beruf stehende Zuwanderer, sondern der stillere, der schwächere Teil einer Familie: die zuhause sitzenden, die weniger Einflüssen der Wirklichkeit ausgesetzten Familienmitglieder. Dass die ersteren oft männlich, die zweiteren oft weiblich sind, mögen sich diejenigen vor Augen halten, die gegen diesen Aufruf sind: sie verbreiten (nolens volens) das stereotype Bild von der Zuwandererehefrau, die gefälligst unkundig zuhause sitzen und auf die Heimkehr des Mannes warten darf.

Mit diesem Aufruf jedoch ist verbunden der Wunsch, diese Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien – und wem diese Formulierung bekannt vorkommt: Ja, das ist ein zentraler Satz von Immanuel Kant. Die Werte der Aufklärung sind doch wohl noch immer die unseren.

Wie viele Menschen in unserem Land sind aufgrund der selbstverschuldeten Sprachunmündigkeit dazu gezwungen, ein Leben reduzierter Möglichkeiten zu führen? Sie können sich zwar noch mit ihrer Familie austauschen, aber schon beim Bäcker ist Schluß damit. Ist das ein Leben? Wollen wir nicht dazu aufrufen, daß in der Breite daran gearbeitet wird, dieses Leben selbstbestimmter zu führen?

Natürlich wird jetzt viel gespottet. Aus dem nichtbayerischen Umland, das gerne übersieht, daß es neben den Altbayern auch noch die Franken, die Schwaben und als vierten Stamm die Sudetendeutschen hat, die ihre eigenen Zungenschläge pflegen, wird jetzt ein Ende des „Bayrischen“ gemacht, das die CSU aus Versehen auch fordert. Und daß kontrolliert werden soll – ein Grüner unterstellte der CSU, einen „Blockwart“ zur Kontrolle einsetzen zu wollen – und solcher Schmarrn mehr. Wenn man auf einen Vorschlag inhaltlich nichts zu sagen weiß, dann macht man ihn lächerlich. Alte Methode, aber funktioniert nicht immer.

Es sind keine „Kontrollen“ geplant. Es wird nicht dazu aufgerufen, zuhause „nur“ deutsch zu sprechen, sondern „auch“. Ein Unterschied, auf den es ankommt.

Es sind natürlich auch drittens nicht diejenigen gemeint, die die Sprache können. Es sind diejenigen gemeint, die nicht soweit sind. Wäre nicht auf Dauer vielen geholfen, wenn es an jedem Tag ein, zwei Stunden hieße, dass man miteinander deutsch spricht? Daß, wenn es schon überhaupt nötig ist, das deutsche Fernsehprogramm läuft? Es wäre vielen geholfen, es würde einen Bezug herstellen.

Zuwanderer kommen im Allgemeinen nicht hierher, um ihr Herkunftsland mitzunehmen. Sie kommen hierher, weil das Grundgesetz eine freiheitlich-demokratische Grundordnung schafft, die ein gutes Leben ermöglicht. Wer dann hier lebt, soll auch in der Lage sein, am Leben teilzunehmen. Dazu leistet dieser Aufruf einen Beitrag.

Jedermann hat akzeptiert, dass man sich im Auto anschnallen muß. Aber daß es eine (moralische, nicht gesetzliche) Pflicht für Zuwanderer gibt, deutsch zu lernen, daß wir, die wir deutsch können, diejenigen unterstützen, die es noch nicht richtig können, wird mit großem Bohei bestritten. Ja, warum denn?

Eines mögen diejenigen, die gegen solchen Vorschlag wettern, beachten: dieser Vorschlag stützt vor allem die Schwächeren unter den Zuwanderern, und es soll ein jeder bitte plausibel machen, warum er das nicht unterstützt.

Oder aber eben doch: Es steht jedem frei, aus anfänglicher Abwehrhaltung dem Denken Einlaß zu verschaffen und zu sagen: Gut – ich unterstütze den sprachunkundigen Zuwanderer, indem ich seine Familie, ohne Druck, ohne Kontrolle – dazu aufrufe, ihn beim Deutschlernen durch gemeinsames Deutschsprechen zu unterstützen.

Advertisements