Goldenes Prag

Das "Männleinlaufen" von 1509 an der Nürnberger Frauenkirche um Kaiser Karl IV., Schöpfer der ersten Reichsverfassung "Goldene Bulle", geboren und gestorben in Prag © Freud
Das „Männleinlaufen“ von 1509 an der Nürnberger Frauenkirche um Kaiser Karl IV., Schöpfer der ersten Reichsverfassung „Goldene Bulle“, geboren und gestorben in Prag © Freud

#633 Seit gestern hat der Freistaat eine Vertretung in Prag. Seit gestern erst? Ja, es war in der Tat manches aufzuarbeiten. Deutsche taten Tschechen vieles an, und Tschechen taten Deutschen vieles an. Es war nicht dasselbe, und genau das macht es schwierig.

Gleiches Unrecht meint man messen zu können. Wenn’s stimmt (eher nicht). Verschiedenes Unrecht hingegen mag die eine Seite der anderen vorhalten und vice versa, aber man kommt bei dieser Haltung nicht weit.

Was man oft vergißt: in der Politik ist man nicht bei Gericht. Bei Gericht reicht es, wenn man sagt, daß der X das und das getan hat, Strafe, fertig. Aber in der Politik: Was wäre denn erreicht, wenn man sagt, daß die Gruppe Y etwas Böses getan hat? Nichts.

In der Politik gibt es einen manchmal grausamen, aber oft auch alles verändernden Umstand: Es geht weiter.

Es mag sein, daß manche in Bayern dem tschechischen Staat etwas Ernstes vorzuwerfen haben – dem tschechischen Staat ab 1945 -, aber das gibt keine Antworten auf die Fragen der Gegenwart. Freilich können diese Antworten nur dann gut gegeben werden, wenn das Vergangene, vor allem jenes, das bis heute wirkt, anständig dargestellt wird. Es mag auch sein, daß manche in Tschechien dem deutschen Staat 1938-1945 manches vorzuwerfen haben, aber das kann nur ein Teil der Antworten auf die Fragen der Gegenwart sein.

Prag und Nürnberg sind in der Luftlinie 250 km voneinander entfernt. Die tschechische Grenze ist 100 km entfernt. Da sollte man meinen, Tschechien und Prag seien – spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 – ganz selbstverständlich Partner.

Daß dabei, Partner und, ja, Freunde zu werden, manche Schwierigkeit zu bewältigen war, wird hier nicht in Abrede gestellt. Aber daß so mancher Anlauf, der nicht beim ersten Mal klappte, nicht wiederholt wurde, war falsch. Daß also der lange Atem fehlte, ist nicht gut. Jetzt aber scheint es zu gelingen, jetzt wird eine wichtige Etappe erreicht. Der Freistaat, der eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Zentren der Erde ist – mit Nürnberg als zweitgrößter Stadt im Brennpunkt – ist nun mit einer eigenen Repräsentanz in Prag vertreten, und das ist nichts anderes als richtig.

Mit einem Nachbarn, der uns so nahe ist und dessen Geschichte so eng mit unserer verbunden ist – beim Männleinlaufen tanzen die Kurfürsten um einen in Prag geborenen deutsch-römischen Kaiser herum! -, ist die Errichtung einer „bayerischen Botschaft“ in Prag nur eines: richtig.

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