Die verlockende Gefahr: Äquidistanz

Äquidistanz: Die Berechnung des euklidischen Abstands im kartesischen Koordinatensystem
Äquidistanz: Die Berechnung des euklidischen Abstands im kartesischen Koordinatensystem

#622 Dem altphilologisch gebildeten Leser fällt das Wort leicht, den anderen vielleicht schwer: Was ist Äquidistanz? Zunächst einmal: gleicher Abstand. Damit ist gemeint, dass man den gleichen Abstand zu zwei Streitenden einnimmt, damit man einen fairen Schiedsspruch fällen kann, mit dem der Konflikt beendet wird.

Klingt gut. Wenn sich zwei Kinder darüber streiten, wer jetzt dran ist, um mit einem Spielzeug zu spielen, dann mag das helfen.

Aber das ist dann doch etwas zu einfach gedacht. Was, wenn der eine nichts (oder nichts ernsthaftes) falsch gemacht hat, aber der andere sich an keine Regeln hält – ist dann Äquidistanz immer noch das richtige Mittel? Was also, wenn – um ein Beispiel zu geben – der eine ein Handtaschenräuber ist, der andere Oma Müller? Niemand wird sagen, dass dann Äquidistanz das richtige Mittel ist. Man kann nicht beide gleich behandeln, um die Situation zu lösen. Es ist Oma Müller nicht zumutbar, ebenso behandelt zu werden wie der, der sie berauben wollte.

Einen Denkfehler sollte man jedoch nicht begehen: die Politik mit einem Gerichtssaal zu verwechseln. Im Gerichtssaal geht es um Schuld und Unschuld; in der Politik hilft die Klärung der Schuldfrage selten weiter. Die Schuldfrage hilft nicht bei der Beantwortung der Frage, wie ein Problem gelöst werden soll. Sie hilft nur beim Procedere. Wer an einer Situation schuld ist, sollte stiller sein, und wer benachteiligt, wer angegriffen wurde, darf darüber klagen. Aber lösen – nein, lösen tut man einen Konflikt damit nicht.

Das Bild vom Handtaschenräuber ist falsch; es ist ein kriminologisches Bild, aber kein politisches. Politisch ist nicht zu fragen, wie etwas zustande kam, sondern wie es weitergehen soll. Das aber ist einem, der nur nach der Schuld fragt, gleichgültig.

Politisch also ist die Schuldfrage zu berücksichtigen, wenn es um Befindlichkeiten geht. Inhaltlich aber ist die Schuldfrage – nun, nicht gerade irrelevant, aber weniger bedeutsam.

Gleichwohl ist die Schuldfrage unbedingt zu beachten. Sie führt nicht zur Lösung, aber ihr Ignorieren macht eine Lösung unmöglich. Man soll Ungleiches gleich behandeln in dem Sinne, dass alle den gleichen Ansprüchen unterworfen sind, aber man soll nicht den Aggressor mit seinem Opfer gleichstellen.

Wer der Äquidistanz das Wort redet, macht immer denjenigen, der mit Gewalt und Aggression zu Werke geht, zum Gewinner. Das kann es nicht sein.

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