Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode

Johann Heinrich Füssli: "Die wahnsinnige Kate" - gemeinfrei
Johann Heinrich Füssli: „Die wahnsinnige Kate“ – gemeinfrei

#618 Kommen Sie mit auf eine Reise ins Land der Widersprüche, der hohlen Phrasen und der Heuchelei. Wir lesen heute auf der ersten Seite der NN, dass Deutschland die weltweit beliebteste Nation sei. Wir halten den Atem an, freuen uns eine Weile, atmen weiter und lesen dann: „Wirtschaftsweise kritisieren Merkel“, „Marodes Schienennetz bremst Fahrgäste aus“, „Absturz einer Drohne in der Oberpfalz schürt Ängste“, „Ärger mit dem Müll“ und so weiter und glauben, die Welt stünde kurz vorm Untergang. Passt das zusammen?

Nein, natürlich nicht, aber wir haben uns an diese öde Kontrastmalerei natürlich längst gewöhnt, die da Tag für Tag in der Zeitung stattfindet. Gesunder Menschenverstand oder auch Nachdenken in Grautönen – dafür ist die Zeitung meist das falsche Medium; hier sind wir entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Die NN solidarisiert sich (das ist billig zu haben) entweder mit einer Bambergerin, die das „BILD-Mädchen“, ein Nackedei auf Seite 3, abschaffen will – oder sie jubiliert, weil eine junge Nürnbergerin ihre Sekundärgeschlechtsmerkmale in einem Bikini herumtragen darf. „Sex sells“ ist entweder bei den anderen, dann ganz arg böse, oder quasi daheim – dann ganz toll. Doppelmoral, hier hast du’s gut, hier bist du daheim. Nein, ich erweitere dieses Beispiel jetzt nicht um die zeitungsgestützte Suche nach den „Grid Girls“ beim Norisring…

Die Drohne: Ganz arg schlimm. Es ist genau niemandem etwas passiert. Höchste Zeit, in Deutschland den Hysterie-Modus anzuschalten! Der Absturz „schürt Ängste“. Nein, meine Damen und Herren von der NN: Ihr seid es, die Ängste schüren! Es war keiner so blöd, nach dem ersten Absturz eines Passagierflugzeugs das Ende der Luftfahrt zu fordern. Aber wenn eine Drohne abstürzt und (erwartungsgemäß) niemand zu schaden kommt, dann drehen wir an der Aufgeregtsheitsschraube, bis wir kaum noch Luft bekommen. Und wieso? Weil die Drohne eine US-Drohne war!

In Wahrheit geht es doch darum, den ach so bösen Amis eins mitzugeben. Geschützt weniger von der doch nur bedingt einsatzbereiten Bundeswehr als vielmehr von den USA, lässt es sich bequem motzen. Und dass der Absturz bereits „vor einigen Tagen“ geschah (und keiner etwas merkte), tut dabei gar nichts zur Sache. Einer, der vor lauter Hysterie kaum noch schnaufen kann, hat gesagt: „Der Betrieb der US-Militärbasen ist eine Gefahr für die Bevölkerung.“ Na klar. Und durch falsch angelegte Sicherheitsgurte sterben jedes Jahr Milliarden von Menschen… Aber wehe übrigens, die Amis gingen. Nicht nur, dass wir dann um so eher einem wildgewordenen Putin ausgeliefert wären: Dann kommt eine anderen Bürgerinitiative und mault rum, dass die bösen Amis unsere Arbeitsplätze vernichten. Wahrlich, wir sind schon einzigartig in unserer Fähigkeit zu maulen!

Sigmund Freud hat, leicht vereinfacht dargestellt, erkannt, dass eine Neigung zur Hysterie mit zu wenig Sex einhergeht. Ich stelle das mal nur so in den Raum.

Aber immer schneller wird die Fahrt. Da will der ADFC – der im Namen so tut, als sei er wichtig, aber er ist es nicht – Haltegriffe an den Ampeln haben. Juhu! Endlich bringt die Moderne nach dem Computertomographen und der fahrerlosen U-Bahn einmal etwas wirklich wichtiges hervor: den Haltegriff! Eigentlich bin ich ja persönlich beleidigt – ich bin nämlich bei schönem Wetter auch Radfahrer. Und der ADFC unterstellt mir also, dass ich zu blöd wäre, den Fuss auf den Boden zu stellen, wenn ich an einer roten Ampel stehe, weil ich nicht in den dahin geschmierten Popel eines anderen fassen mag. Werter ADFC, so blöd bin ich nicht! Der ADFC hat wohl auch nicht darüber nachgedacht, dass der Haltegriff nur für den ersten wartenden Radler da wäre, für die anderen nicht. Ganz neu ist auch der Radfahrer, der von einem anderen verprügelt wurde, weil er den Haltegriff nicht loslassen wollte… Überhaupt: Im Winter seien die Plastikhaltegriffe nicht so kalt wie die Ampelmasten, sagt der Weltmeister der durchdachten Äußerungen, der ADFC. Ach. Also, um hier mal Licht ins Dunkle zu lassen: Nicht nur ich fahre bei Kälte nicht rad – ganz viele tun das dann nicht. Wenn’s kalt ist, sind der Radfahrer wenige. Und die, die dann noch radfahren, tun’s meist mit dicken Handschuhe, alldieweil Hände nämlich beim Radfahren erschreckend kalt werden können. Dankt mir nicht, liebe Geisteshelden vom ADFC, für diese Ratschläge – Ihr wäret da bestimmt auch noch drauf gekommen, nach ein- oder zweitausend Jahren: dieser Haltegriff muss natürlich beheizt sein! Nur dann fühlt der Radler sich wohl. Und außerdem soll er mit einem kostenlosen WLAN-Netz ausgestattet werden, falls der Radler, an der Ampel wartend, mal eben was im Internet nachschauen möchte. Und SÖR bringt Café vorbei. Oder wie?

Überhaupt: SÖR. Ich sage nur: SÖR! Bürgermeister Christian Vogel ist qua Amt nun also auch so eine Art Chef von SÖR. Und in dieser Eigenschaft behauptet er wacker: „Nürnberg ist keine dreckige Stadt“! Ach ja. Der Müll, der im öffentlichen Raum daneben lag, wuchs von 450 cm3 auf 3.300 cm3 an. Aber Nürnberg ist nicht dreckig, iwo. Eltern verfrachten ihre auf der Straße spielenden Kinder schon nach Fürth, weil’s da sauberer ist, aber: „Nürnberg ist keine dreckige Stadt“.

Aber wir müssen Verständnis für den Vogel, Christian habe: Er kann doch nicht anders. Würde er sagen, dass Nürnberg eine dreckige Stadt ist – dann käme sofort einer von der CSU mit dem bekannten Vorschlag, einen Ordnungsdienst einzuführen, und den will der Bürgermeister nicht, und dann säße es er in der selbstgeschaufelten Grube. Also behauptet er, wider besseres Wissen, dass Nürnberg super knorke sauber sei. Der Zuwachs des im öffentlichen Raum gestapelten Sondermülls um Faktor sieben in sieben Jahren wird mal eben ignoriert. Man will ja nicht der CSU recht geben…

Überhaupt, die Doppelmoral. Da wurden die Anhänger der Grünen beforscht. Und was kam heraus? Die Wähler dieser Partei sind diejenigen, die von allen (!) am häufigsten ins Flugzeug steigen. Zwischen einer Demo gegen die Nordanbindung und einer fürs Nachtflugverbot steigt der Grüne an und für sich gerne mal ins Flugzeug und jettet nach auswärts, denn hier hält man es ja nicht mehr aus.

Wenn’s nicht so lustig wäre, dann wären diese Zustände der Doppelmoral wirklich traurig. Aber ich lach mir einen und beobachte weiter den Wahnsinn, der sich da austobt. Denen geht’s allen etwas zu gut.

Hier der Artikel über die grünen Vielflieger.
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