Jeder blamiert sich, so gut er kann

Tja.
Tja.

#612 Bei spiegel.de schreiben teils lustige Zeitgenossen. Eine etwa, aus Nahost, will sich nicht in der Galerie abbilden lassen. Jetzt ist sie ganz verschwunden.

Einer ist noch dabei, vermutlich als Träger von schweren Brillengestellen unersetzlich. Naja, er schreibt auch für die „SZ“. Es möge ein jeder selbst wissen, was er mit seiner Freizeit so anfängt.

So also lesen wir. Es geht um Biermanns Auftritt im Bundestag. Und dieser unter dem Etikett „Der Kritiker“ daher segelnde spiegel.de-Schreiber ist in jeder Zeile bemüht, Wolf Biermann mies zu machen. Da wird er „Teddy“-Bär genannt, da wird er als unpolitischer Onkel verhöhnt, da wird er „putzig“ genannt und mit einem „Schaffner der Lummerlandbahn“ verglichen. Das sagt uns zunächst einmal, dass der Herr Diez eine genauere Kenntnis des deutschen Kulturgeschichte nicht hat: Es gab niemals einen Schaffner der Lummerlandbahn. Und ein Biermann ist nicht „putzig“.

Der Verfasser dieser Zeilen war ein junger Kerl, die SU oder JU traf sich im „Meisterlein“, einem zu recht verschwundenen Lokal in Nürnberg-Wöhrd; einst Stammsitz der JU. Einer schimpfte über die Brecht-Lektüre in der Schule, als plötzlich Stille eintrat. Bundesminister Dr. Oscar Schneider hatte den Raum betreten. Er hörte dem jungen Mann noch eine Zeitlang zu – und dann wusch er ihm den Kopf. Sinngemäß sagte Dr. Schneider, dass man Brecht zwar politisch ablehnen könne, ihm aber nicht die Qualität absprechen könne, und zitierte auswendig länge Abschnitte (aus Arturo Ui, glaube ich). Eben deswegen ist Oscar Schneider heute Ehrenbürger, und der spiegel.de-Kolumnist wird zeitnah in Vergessenheit geraten: Weil Schneider differenzieren konnte, weil er bei dem, was er sah und sagte, über den Tellerrand hinaus sah und sieht.

Kann man das allen Ernstes von einem erwarten, der bei spiegel.de schreibt? Kaum. Der will seine Zeilen füllen, und es ist ihm fast egal, was er da für einen Unsinn schreibt. Er vergleicht ein angebliches Fremdeln der Kanzlerin tatsächlich mit dem Erdulden der Trümmerschelln (im übertragenen) Sinne der SED/Linkspartei-MdB. Natürlich ermahnte Bundestagspräsident Lammert den Gast Biermann, aber daraus macht der spiegel.de-„Kritiker“ eine Staatsaffäre – um abzulenken. Dabei hat Lammert den Biermann eingeladen – samt der Frechheit, die dem nun einmal eigen ist. Noch ein pubertärer Schenkelklatscher gegen Helmut Kohl – und fertig ist die Sottise. Aber ach, die Ahnungslosigkeit des Herrn „Kritikers“ kehrt sich gegen ihn. Am Ende nennt er zwei Menschen Teddies (er selbst gebraucht einen falschen Plural „Teddys“): Gauck und Biermann. Er meint wohl, dass das lustig sei. Das ist nicht nur vermessen und geschichtsvergessen, das ist die luftleere Blasiertheit von jemandem, der nicht allzu viel weiß, aber um so mehr Meinung hat. Diese Type meint, sie seit die Zukunft. Dabei liegt er so weit zurück, dass er ganz aus der Zeit gefallen ist. Aber er trägt ein aussergewöhnliches Brillengestell, immerhin.

Hier kann der Artikel nachgelesen werden: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mauerfall-mit-gauck-und-biermann-teddys-auf-geschichtsausflug-a-1001649.html
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