Helmut Kohl

Helmut Kohl. © Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA
Helmut Kohl.
© Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA

#583 Ich war etwa 15, tapperte in die Innenstadt, und plötzlich streckte sich mir eine Hand entgegen, dahinter ein Berg von einem Mann, darum herum irgendwelche anderen Männer. In einer wohlbekannten Stimmlage sagte dieser Berg „Grüß Gott“ zu mir, schüttelte meine Hand und war wieder weg. Es war Helmut Kohl, damals noch nicht Bundeskanzler, der zur Unterstützung der CSU nach Nürnberg gekommen war, wo ein solcher Auftritt damals noch den Hauptmarkt füllte. Tempi passati.

Natürlich kaufte ich gestern (das erste Mal seit langer Zeit) den SPIEGEL, weil darin – diesen Eindruck machte mir die Werbung – Helmut Kohl einmal aus dem Nähkästchen plauderte. Aber ach, was wurde ich enttäuscht. Früher – ja, da schaffte es der SPIEGEL immer mal wieder, eine Geschichte auszugraben, einen Coup zu landen. Was wäre denn dabei, wenn der alte Kohl nun sagte: „Ok, ich habe dem SPIEGEL nie ein Interview gegeben, jetzt bekommt er das längste und das spannendste, das ich je gab.“?

Natürlich spricht der alte Helmut Kohl anders als im Fernsehen, wenn er über politische Weggefährten spricht. Heftiger und deftiger. Natürlich ist da auch einmal ein Wort dabei, das nicht so fein ist. Wer von uns würde sich den Schuh anziehen, das nicht zu tun? Und wenn’s einer schaffen würde: Pardon, aber der ist nicht Bundeskanzler. Vom 01.10.1982 (ich schwänzte die Schule, um es live zu sehen) bis zu jenem Abend 1998 war er Bundeskanzler – erstaunliche sechzehn Jahre lang. In seiner Zeit wurde die EWG zur EG und dann zur EU, war der Frieden in Europa sicher (auch deshalb, weil der NATO-Doppelbeschluss realisiert wurde – nachschlagen!). Er erkannte die kleine, enge Möglichkeit der deutschen Einheit und machte sie wahr. Es ist ganz einfach: er war ein großer Kanzler.

Gewiß, es gab auch nicht so schöne Sachen; wer wollte das bestreiten. Die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik Deutschland wurde unter Kohl größer; aber merkwürdigerweise wirft man das ihm vor, aber dem Altkanzler Helmut Schmidt selten. Der arbeitet ja auch seit jenem 01.10.1982 mit Unterstützung vieler Medien an seiner Legende als Weltstaatsmann. Und Kohl?

Kohl hat nie den Intellektuellen dargestellt, er hat sich nie als einer der Ihren gegeben. Aber Kohl ist ein Historiker, auch promoviert, und manche seiner Sätze haben sich, erst belächelt, dann doch zum Widerwillen des deutschen Feuilletons, als bedenkenswert, vielleicht gar wahr herausgestellt. Der Satz von der Gnade der späten Geburt etwa, den ich gerne zitiere, um die allzu Selbstgerechten zu bremsen. Vielleicht also, ganz vielleicht, ist Kohl doch vielschichtiger, intelligenter, gebildeter, als ihm seine Gegner gerne lautstark unterstellen.

Er hat den Weg gefunden, die Einheit in erträglicher Form zu gestalten. Er konnte sicher nicht für jeden jegliche Last entfernen, aber er hat sie ohne kollektive Auseinandersetzung, ohne Streit auf den Straßen gestaltet. Das ist so einfach nicht gewesen.

Kohl hat den USA die Treue gehalten und mit Frankreich die Freundschaft von de Gaulle und Adenauer fortgesetzt und damit viel für Europa geleistet. Niemand sagt, dass alles nur toll war; Bitburg war ein Fehler, wenn auch womöglich kalkuliert. Aber es bleibt doch dabei: Die Bundesrepublik Deutschland unter Helmut Kohl war ein guter Ort.

Auch war Helmut Kohl geschlagene 25 Jahre CDU-Vorsitzender. Das muss man angesichts der Geschwindigkeit, die sonstwo herrscht, erst einmal schaffen. Gut, in der CDU ist Kontinuität eh angesagt. Seither waren nur zwei Wechsel. Aber man schaue zur SPD hinüber: Das waren seit Kohls Amtsantritt Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm, Johannes Rau, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Franz Münetefering, Matthias Platzeck, Kurt Beck, Frank-Walter Steinmeier, wieder Franz Müntefering und schließlich Sigmar Gabriel. 13, um genau zu sein.

Wenn also Helmut Kohl einem Journalisten etwas erzählt, damit der für ihn eine Biographie schreibt, dann ist das Rohstoff, aus dem heraus das Buch angefertigt wird. Das ist wie Teig: den isst man auch nicht so, sondern erst nach dem Backen. Nun aber gibt es einen Streit; einen Streit zwischen Kohl, dem Autor und vielleicht Kohls zweiter Frau. Das kann man gar nicht sicher beurteilen, denn man kennt nur des Autors Darstellung desselben; Kohls nicht. Audiatur et altera pars, auch der andere Teil möge gehört werden, möge ein jeder sagen, bevor er sich eine Meinung bildet. Und die Mitschnitte dieser Gespräche also stellt der SPIEGEL jetzt öffentlich. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, meinte der alte Geheimrat Goethe – und er meinte damit nicht, dass Geschmack jedem selbst überlassen sei, wie es in unserer Laissez-faire-Gesellschaft oft verstanden wird, sondern er meinte: Es gibt einen guten Geschmack, und es gibt einen schlechten Geschmack, und was was ist, darüber kann man nicht streiten, sondern das erkennt man.

Wenn der SPIEGEL Gespräche veröffentlich, die vertraulich geführt wurden und als Rohmaterial aufgezeichnet wurden, um als Gedächtnisstütze, aber sonst als nichts zu dienen, dann ist das schäbig. Klar – das Interesse der Massen, auch meines, wird geweckt. Jeder ist ein bisschen Voyeur, im übertragenen Sinne. Aber ich kann doch neugierig darauf sein und gleichzeitig sagen: das tut man nicht.

Helmut Kohl hat als Bundeskanzler Großartiges geleistet und bewegt. Er war nicht unfehlbar, wie eben Menschen fehlbar sind. Ich erwarte keine Huldigungen im SPIEGEL. Aber mit Anstand kann man mit dem alten Herrn doch umgehen, will ich meinen.

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