Aus die Maus

Dreigliedriges Ensemble auf dem Nürnberg Opernhaus © 2004 Freud
Dreigliedriges Ensemble auf dem Nürnberg Opernhaus
© 2004 Freud

#571 Mephistopheles in Goethes Faust sagte es schöner: „Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht“ (Orthographie nach dem Herrn Geheimrat und nicht nach irgendwelchen „Rechtschreibreformen“ verzapfenden Wichtigtuern).

Es hätte so schön sein können. Da macht man in einem der schönsten Opernhäuser Deutschlands (das merkwürdigerweise nicht frontal, sondern seitlich zur Straße steht), einmal im Jahr einen Ball und nennt den Opernball. Immerhin zum 13. Mal. Damit ist seine Tradition kürzer als die des Auszubildenden in der Systemgastronomie. Die Ausbildung bei McDonald’s hat also mehr Tradition als dieser Opernball.

Der Nürnberger Opernball tut so, als ob. Und deswegen interessieren sich nicht genügend für ihn. Es ist bestimmt nichts gegen Jan Hofer einzuwenden; er wirkt sympathisch und nachdenklich und interessant. Was aber, bitte, hat Jan Hofer mit Nürnberg zu tun? Soviel wie mit Fürth: Gar nichts. Er wirkt auf dem Opernball wie einer aus der Großstadt, dem wir mal unser Nürnberg zeigen. Und damit er kommt, bezahlen wir ihn auch noch ganz toll.

Ist Nürnberg so schwach, hat es das nötig? Eigentlich sollte ein Opernball ein so wichtiges gesellschaftliches Ereignis sein, dass die Menschen – auch Prominente – von selbst kommen und es nur ein wenig guten Zuredens bedarf, um jemanden zur Moderation zu motivieren.

Jemanden, der für die „Marke“ Nürnberg steht. Die Moderation muss gar nicht perfekt sein, sie soll echt sein.

Der Wiener Opernball entstand aus dem Wiener Kongreß (ich weigere mich, in diesem Fall Kongreß mit zwei s zu schreiben, weil der Wiener Kongreß ein stehender Ausdruck ist). Er hat seinen historischen Ursprung, der sogar politisch aufgeladen war: Es sollte ein Tanzverbot herrschen, um nicht Zustände wie in Paris zu kriegen (da gab’s nämlich Ärger). Ist ja auch eine Meinung. Aber das tanzen wollende Volk setzt sich durch, die Stühle wurde beiseite geräumt und die Strauß’sche Opern-Soirée-Polka wurde gespielt, auf dass es den Menschen in den Füßen juckte und sie tanzten.

Man wünscht sich einen Hauch vom jenem bürgerlichen Aufbegehren gegen den Mehltau der Stadt auch heute.

Aber nein, der Nürnberger leidet brav bis zum bitteren Ende, das nun droht.

Das eben ist das Problem mit den von oben verordneten Dingen: Sie haben kein Wurzelwerk und tragen sich nicht. Wenn die Nürnberger Tanzschulen (die wenigen, die es noch gibt), den Opernball ausrichten würden, dann wäre er vielleicht bescheidener, aber echt.

Wenn das Motto des Balls lautet „An American Dream“ und als erster Preis bei der Tombola eine Reise nach Moskau verlost wird, dann fasst man sich schon an die Nase. Was soll das? Wir verhängen Sanktionen gegen Moskau, weil der Diktator Putin Krieg entfesselt, und der erste Preis dieses Balls ist eine Reise nach Moskau. Entschuldigung, aber so sehr darf man eben nicht mit dem Klammerbeutel gepudert sein.

Da nehme ich entweder ein anderes Motto oder einen anderen Preis, bitte sehr. Und bei einer Veranstaltung wie dieser geht es nicht in Ordnung, in Zeiten von Sanktionen gegen Russland eine Reise nach Russland zu verlosen. Übrigens, damit das nicht falsch verstanden wird: das geht gegen Putin. Nicht gegen die Russen. Demnächst findet eine Veranstaltung statt, bei dem die kulturellen Bande zu Russland gefestigt werden sollen. Das unterstütze ich gerne. Aber hier geht’s auch um Russland (und nicht um Putin). Und hier geht es um ehrenamtliches Engagement (und nicht um seine Politik). Und nicht um den Opernball.

Es gibt, sagte Adorno, kein richtiges Leben im falschen. Der Opernball gehört in die Hände von Trägern, die ihn von unten wieder aufbauen. Er soll in Nürnberg nicht wie ein UFO landen und wieder entschwinden, sondern ein fester Punkt im Kalender der Nürnberger werden. Und bitte nicht am Tag der Oktoberfesteröffnung wie bisher, das ist ein Problem: weil die gleichen Menschen teils an dem einen, teils an dem anderen Ereignis teilhaben wollen. Kleiner. Weniger wichtigtuerisch. Und stimmig gemacht. Dass auf einem Ball (!) ein Bohneneintopf (!) angeboten wird, weil der ja angeblich so unglaublich amerikanisch sein soll, ist schon der Gipfel an Kurzsichtigkeit. Sebastian Brehm hat Recht, wenn er Träger für den Opernball fordert. Und OB Maly soll sich dem nicht länger widersetzen. Nach der Methode Maly hat es nicht funktioniert; jetzt sollen mal andere ran.

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