Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Die Kuh als solches. Auch ein Stück deutsch-israelischer Beziehungen; man glaubt es kaum. „Rinder“ von Photo by Scott Bauer (US Department of Agriculture, Agricultural Research Service). - This image was released by the Agricultural Research Service, the research agency of the United States Department of Agriculture, with the ID K7686-7 (next).This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information.English | français | македонски | +/−. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rinder.jpg#mediaviewer/File:Rinder.jpg
Die Kuh als solches. Auch ein Stück deutsch-israelischer Beziehungen; man glaubt es kaum.
„Rinder“ von Photo by Scott Bauer (US Department of Agriculture, Agricultural Research Service). – This image was released by the Agricultural Research Service, the research agency of the United States Department of Agriculture, with the ID K7686-7 (next).This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information.English | français | македонски | +/−. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rinder.jpg#mediaviewer/File:Rinder.jpg

#565  1955 begannen das westliche Deutschland und Israel ihre Beziehungen zueinander auf formalem Niveau. Der deutsche Bundeskanzler war Konrad Adenauer, der israelische Ministerpräsident David Ben Gurion. Lange, lange ist’s her.

Dieses Jubiläum der diplomatischen Beziehungen soll nun, nach dem Willen der Bundesregierung, nach dem Willen der israelischen Regierung und auch nach dem Willen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, begangen werden. Doch es wird diskutiert.

Es wird vorgetragen – und das ist inhaltlich zutreffend –, dass diese diplomatischen Beziehungen auch im Lichte der Wiedergutmachungsverhandlungen und damit der Möglichkeit der Bundesrepublik zur Rückkehr in die Staatengemeinschaft standen. Es war und ist wahr, dass nationalsozialistische Täter in Deutschland zu wenig strafrechtliche Verfolgung befürchten mussten und Anlass für die wissenschaftliche Erforschung dieses ungenügenden Strafverfolgungsbemühens gaben. Es ist wahr, dass es immer wieder Peinlichkeiten auch deutscher Politiker gab. Es ist wahr, dass gerade die deutsche politische Linke nach einer Phase besonderer Zuneigung zum in den Anfängen stärker sozialistisch orientierten Israel nunmehr auf Distanz geht, antizionistisch, teils antisemitisch ist und Israel ablehnt, teils mit Boykott überzieht, diffamiert und mit der sattsam bekannten double-standard-Sichtweise für alles verantwortlich macht, was auf der Welt nicht in Ordnung ist. Es ist auch wahr, dass es bei uns eine angesehene – und darauf kommt es an – Tageszeitung gibt, die vom bekanntesten jüdischen Publizisten des Landes als „Stürmer“ bezeichnet wird und mittlerweile regelmäßig irgendwelche Bitten um Entschuldigungen herausgibt, sie hätte diesen Artikel, jene Karikatur nicht so gemeint und es täte ihr ganz arg leid und was derlei an Billigkeiten mehr ist. Das alles ist wahr, und man könnte sagen: Das Glas ist halb leer.

Jedoch: Wir haben eine Bundeskanzlerin, die mit deutlichen Worten für die guten Beziehungen zu Israel eintritt. Wir haben staatstragende Parteien, die sich positiv zu Israel bekennen. Wir haben Menschen, die sich für Jugendaustausch einsetzen und ihn ermöglichen. Wir haben Bindungen zwischen dem Bundestag und der Knesseth. Wir haben einen regen Austausch auf der Ebene der Universitäten. Bundeswehr und Israel Defense Forces tauschen sich aus. Der Bundespräsident hat sich als Freund Israels bekannt. Deutsche Landwirte lernen in Israel etwas über Bewässerung, israelische Manager in Deutschland etwas über Start-Ups, und beide trinken Milch, die von der israelisch-holsteinischen Kuh erzeugt wurde – dem weltweit leistungsfähigsten Rind. Israelische Fußball-Mannschaften spielen – bisher mit mäßigem Erfolg – bei der Europa-Meisterschaft mit. Die deutsch-israelischen Beziehungen sind gewiss noch nicht dort, wo wir gerne sähen, aber auch gewiss besser als man manchmal denkt. Sie werden getragen zwar auch von der Elite dieses Landes, aber auch von Menschen all überall. Sie sind nicht verordnet, sie sind echt. Man kann sagen: Das Glas ist halb voll.

Was soll man nun tun? Man soll das halb volle Glas sehen. Gewiss, es könnte besser sein. Gewiss, die Ablehnung Israels seitens mancher deutscher gesellschaftlicher Gruppierung tut weh. Aber zum einen gibt es keinem Staat gegenüber – weder der République française noch der Rzeczpospolita Polska oder wem auch immer – nur Jubel. Und angesichts dessen, was Deutsche taten und tun ließen, ist die Aufnahme diplomatischer Beziehung zehn Jahre nach Auschwitz ein solches Wunder, dass angesichts dessen wir uns mit unseren Sorgen über die Verbesserung der Lage einmal fragen sollten, was Konrad Adenauer und David Ben-Gurion beschäftigte, belastete, oft genug sprachlos machte, als sie sich an die Eröffnung dieses Kontaktes machten. Gewiss, es gab auch sogenannte tagespolitische Motive, es gab vom ersten Moment an Schwächen, die bis heute nicht überwunden werden konnten. Aber wir wissen doch, dass es 1955 ein Wagnis beider war, das sie trotz teils harter Kritik mutig anpackten, vielleicht auch mit dem Mut derer, die sonst, wenn sie der Mut verließe, nur die Verzweiflung hätten. Das mag alles sein. Aber sie taten es, sie machten es, und dass der israelische Geschäftsträger heute vom Bundespräsidenten in Bellevue eingeladen wird, dass der für Süddeutschland zuständige Generalkonsul vom Bayerischen Ministerpräsidenten wie selbstverständlich in die Staatskanzlei gebeten wird, ist gut und richtig. Darauf bauen wir auf, versuchen in unserer täglichen Arbeit als Arbeitsgemeinschaften der DIG die Dinge zu verbessern. Wir bejubeln keine potemkinschen Dörfer, aber wir arbeiten am von Ben Gurion und Adenauer vor sechzig Jahren gemachten Anfang.

Das feiern wir. Beim Feiern sieht man auch das, was noch nicht gut ist. Aber deswegen begeht man solch ein Jubiläum dennoch als feierlichen Akt. Ohne auch das andere zu sehen? Nein, sicher nicht. Aber wir haben kein leeres, zersprungenes Glas in der Hand, sondern eines, das ganz ist, und – immerhin – halb voll. L’Chahjim.

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