Kein Grund zum Schämen

Zelte vor der ZAE in Zirndorf © 2012 André Freud
Zelte vor der ZAE in Zirndorf
© 2012 André Freud

#559 Wir wissen alle, dass dieses Jahrhundert, dieses Jahrtausend am Anfang stehen; sie begannen am 01.01.2001 – und nicht 2000, wie manche denken, auch wenn es die rundere Zahl zu sein scheint; aber da es das Jahr 0 nicht gab, war das erste Jahr das Jahr mit der Nummer 1 und deswegen begann das dritte Jahrtausend nicht 2000, sondern 2001. Womit auch das einmal geklärt wäre. Aber, obwohl das Jahrtausend ebenso neu ist wie das Jahrhundert, meint man, die Welt müsse untergehen, wenn man die Zeitung liest.

Da ist zum einen die Unterbringung von Asylbewerbern. Nehmen wir mal nicht den Armutsflüchtling in den Blick, den es gewiss auch gibt. Nehmen wir den, der eine Gefahr für Leib und Leiben erfährt, schlichtweg weil er existiert, und dem wir deswegen Schutz bieten. Einen Flüchtling aus Syrien, beispielsweise, der in Syrien nur wählen kann, ob er sich von IS, von anderen Aufständischen oder von Assads Schergen töten lassen will. Ein solcher Mensch kommt nach vielen Mühen nach Deutschland, er hat seine Haut gerettet. In Bayern gibt’s zwei zentrale Aufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber, Nürnberg und München. München steht unter Quarantäne, weil dort die Masern ausgebrochen sind. Und da Masern jedenfalls für Erwachsene eine ernsthafte Erkrankung darstellen, hat man München vorübergehend dicht gemacht und schickt alle nach Nürnberg. In der Nürnberger (= Zirndorfer) Aufnahmeeinrichtung sind die Leute eine gewisse (kurze) Zeit, bevor sie auf die bayerischen Gemeinden aufgeteilt werden.

Da München geschlossen ist, ist Zirndorf überfüllt. Dass es in Zirndorf auch zu Zeiten schlecht zugeht, in denen München nicht geschlossen ist, ist ein anderes Thema und soll mit diesem Sonderfall, da München geschlossen ist, nicht vermengt werden.

Nun stehen Zelte da, in denen die Asylbewerber vorübergehend untergebracht werden. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Zelt beträgt ein bis zwei Tage, war der Presse zu entnehmen.

Nun stellen wir uns mal ein Gespräch mit dem Asylbewerber in einer Woche oder in einem Jahr vor. Was wird er sagen? „Das Zelt war unzumutbar, ihr seid schlechte Menschen, schämt euch!“ oder „ihr habt mich gerettet; die Unterbringung war am Anfang teils etwas schwierig, aber dann hat’s gepasst; danke dafür, dass ihr mich gerettet habt“? Letzteres.

Niemand sagt, dass das mit dem Zelt so bleiben soll. Aber wenn eine von zwei zentralen Aufnahmeeinrichtungen ausfällt, dann ist das eben schwierig. Und man kann Zirndorf nicht so gross machen, dass es für den Fall der Fälle München übernehmen kann. Man möge also auch bei dieser Debatte nicht so tun, als wäre alles schlimm. Die Unterbringung von Asylbewerbern erfolgt in Deutschland nach einem Standard, den es so in keinem anderen europäischen Land gibt; das möge man auch einmal beachten und würdigen.

Da ist der Versuch, uns allen ein schlechtes Gewissen einzureden, gar nicht hilfreich.

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