Bayern ist nicht Schottland

Bayern. Großes Staatswappen.
Bayern.
Großes Staatswappen.

#556 Wir werden sehen, wie sich die Schotten entscheiden. Zwei ältere Damen sind unterschiedlicher Meinung. Die Queen ist offensichtlich für den Verbleib in Großbritannien, die Modedesignerin Westwood dagegen. Nun sind Modedesignerinnen im Allgemeinen nicht für ihren politischen Sachverstand bekannt, aber dafür ist die Demokratie ja da: dass jeder seine Meinung kundtun kann.

Das ganze geht die Schotten und Engländer etwas an; mich nicht. Aber wie wäre es denn, wenn Bayern die Bundesrepublik verließe…?

Der Freistaat kann es auch alleine. Das stellte Wilfried Scharnagl fest, seines Zeichens langjähriger Chefredakteur des Bayernkurier. Aber stimmt denn das? Was wäre, wenn Baden-Württemberg Ausland wäre, wenn Berlin sowieso Ausland wäre?

Zunächst einmal würden wir Bayern viel sparen. Zum Beispiel beim Länderfinanzausgleich. Den müssten sich die Berliner schon mit Gewalt holen, und auch das würden sie nicht schaffen. Es blieben also – theoretisch – mehr als vier Milliarden Euro mehr im Lande. Die Berliner würden also keinen neuen Hauptstadtflughafen bekommen – nun, das wäre nicht so schlimm; sie bekommen ihn ja auch mit den Milliarden aus Bayern nicht hin.

Zum anderen aber würden wir des Öfteren erleben, dass wir raus sind. Deutschland würde zum Gegner Bayerns werden, und Deutschland ist gewiss kein angenehmer Gegner. Es würde nicht mehr so viel übrig bleiben. Wollen wir, dass wir bayerische Interessen gegen deutsche Interessen auskarteln?

Nichts gegen den Charme einer Grenzkontrolle bei Aschaffenburg, einer Leibesvisitationen hinter Hof. Aber wofür?

Nichts gegen den Spott, den die anderen auf uns losliessen. Spott muss man sich erst mal verdienen, und das ist fast so schwer wie Neid. Aber was hätten wir dem entgegenzusetzen?

Wir würden unseren Strom nicht bei den Preißn einkaufen („Preißn“ meint alles, was nördlich von Bayern liegt). Die Landesgruppe im Deutschen Bundestag wäre passé – und das wäre ein tatsächlicher Verlust. In Bayern sieht man klar, dass diese Bundesregierung die CSU braucht. Ihre Ergebnisse wäre lange nicht so gut, wenn die CSU nicht wäre.

Was wir doch wirklich erkennen: Wenn man sich gedanklich in diese Idee vertieft, stellt man schnell fest, dass ihre Vorteile keine echten Vorteile sind, und ihre Nachteile schwer wiegen. Es mag ja sein, dass Bayern es alleine könnte. Damit ist aber nicht gesagt, dass Bayern es alleine machen sollte. Wir leben in einer Zeit der besonderen Globalisierung. Durch das Internet ist es egal, ob einer im Zimmer nebenan arbeitet oder in Australien. Die Entwicklung geht hin zu grossen, stabilen Einheiten und weg von kleinen, außer dem eigenen Nationalstolz ziemlich armen Einheiten. Gemeinsam ist man vielleicht stark, aber es gehört eben auch Gemeinsamkeit dazu, um sich gegenseitig zu helfen, um einander beizustehen. Und vergessen wir nicht: die jetzige Zeit, in der Bayern dem Bund weit, weit voraus ist, hat auch etwas zu tun mit dem Bayern, das weit zurück lag und durch den Beistand der anderen Bundesländer (und eine kluge Politik) zu dem wurde, was es ist.

Wir bereichern Deutschland, und Deutschland bereichert uns. Bayern ist ein wesentlicher Teil Deutschlands, das ohne Bayern kaum existieren könnte. Und bei den Problemen, die wir haben, geht es nicht darum, dass wir uns unserer Verantwortung entziehen wollen, sondern darum, dass die anderen endlich ihrer Verantwortung gerecht werden. Wir helfen gerne, Ihr Berliner, aber wir sind nicht blöd. Euch Milliarden dafür zu bezahlen, dass Ihr mit Eurer Pleitestadt den Studenten ein „Begrüßungsgeld“ bezahlt, als ob sie Reisende aus einem sterbenden Land wären, geht zu weit. Ihr habt Euch mit den Milliarden, die Ihr von uns bekommt, etwas Solides aufzubauen und sie nicht zu versaufen, um das mal klar zu sagen.

Und dann werden wir auch wieder gut miteinander arbeiten, zum Wohle des Großen, des Ganzen. Und die Schotten werden das hoffentlich auch tun. Klein(st)staaten braucht keiner. Während wir überlegen – bitte: nur überlegen, man muss ja nicht dafür sein – mehr Kompetenzen zur EU abzugeben, wollen einige Schotten einen eigenen Staat. Was denn noch? Eine eigene Uhrzeit gefällig? Nein, so geht es nicht. Es bringt nichts, ängstlich den Bestand sichern zu wollen. Dann sichert man gar nichts; am wenigsten den Bestand. Mutig vorangeschritten, einander untergehakt, bewältigt man die Aufgabe der Zukunft. Im Kleinen liegt die Bedrohung, im Größeren die Chance.

Man sieht das am Verhältnis der Nürnberger zu den Fürthern. Dem Klischee nach können sich beide nicht recht leiden. Die Fürther wollten neulich ein neues Stadion bauen und es so legen, dass die Staus zwangsläufig in Nürnberg aufgetreten wären. Das spricht Bände.

Aber wenn es, zum Beispiel, gegen die Berliner geht. dann sind die Fürther unsere besten Bundesgenossen. Wie erklärt sich das?

Einer sitzt im Zugabteil, genießt die Ruhe des Alleinseins. An der nächsten Station steigt jemand zu. Auf „ist hier noch frei?“ möchte unser bisher allein Reisender am liebsten mit „Nein“ antworten; er sieht den anderen als Gegner, als hier unerwünscht an. Aber wenn wiederum am nächsten Bahnhof wieder einer zusteigt und fragt, ob im Abteil noch Plätze frei sind, dann ist mit einem Male aus dem vorher zugestigenen Gegner ein Freund geworden, mit dem man sich gemeinsam gegen neue Eindringlinge behauptet.

Dieses Gleichnis ist wichtig um zu verstehen, wie das Wir-Ihr-Denken funktioniert. Je weiter weg und je abstrakter, desto weniger „Wir“ scheint zu sein. Aber das stimmt eben nicht. Auch der Lehrer des Patenkinds des Bruders des Lokführers, der an diesem Tage den Zug fährt, ist „wir“. Und wer das nicht sieht, der sagt nur etwas über seine eigene Sehfähigkeit aus, nichts über „wir“ und „ihr“.

Im Großen und im Miteinander also liegt die Zukunft, nicht im Kleinklein längst überwundener Zeiten.

Advertisements