Die NN mal wieder. Oder?

Die NN. Schwarz auf weiß.
Die NN. Schwarz auf weiß.

#553 „Bauarbeiten am U-Bahnhof Lorenzkirche beendet“, titelte die elektronische NN, und weil mir etwas vom Müller fehlte, ging ich voller Vorfreude gleich zur U-Bahn. In der Innenstadt steigt man meist an der Lorenzkirche aus, aber die war für mich nur jeden zweiten Zug und alle 20 Minuten erreichbar, weil die Hälfte aller Züge aus meiner Richtung am Weißen Turm endeten. So auch gestern. Nichts war es mit normalem U-Bahn-Verkehr.

Damit der treue Leser auch einen Eindruck davon bekommt, dass es keine ruhig-beschauliche Situation war: Es erreichte mich ein Anruf, auf den ich gleich zu reagieren hatte, und ich fand mich auf den Treppen des U-Bahnhofs wieder, das Telefon am Ohr, den tragbaren Computer auf dem Schoß – ein schönes Bild, wo ich doch eigentlich nur Rasierklingen kaufen wollte.

Jedenfalls ging ich zu Fuß zum Müller – durch die Karolinenstraße. Und was ich dort sah, war gar schauderhaft.

Ich meide die Innenstadt, wenn der Hauptmarkt durch zu laute Menschen mit zu groß geratenen Minigolf-Hindernissen vollgestellt ist. Ich meide die Innenstadt, wenn Trempalas ist. Und der war. Das erste Mal seit vielen Jahren erlebte ich den Trempelmarkt in seiner ungehemmten Pracht.

Früher mag es ja einen Sinn dafür gegeben haben. Wer im Keller vor einem großen Stapel Hochglanzhefte „Der Eisenbahnfreund“ stand und nicht wußte, wohin – der Trempelmarkt war eine gute Adresse. Wenn Oma Irmi die Flaschenschiffe loswerden wollte, die ihr längt verewigter Ehemann sammelte, dann war das der richtige Ort.

Heute gehen diese Menschen natürlich zu ebay und wie sie alle heißen. Auf den Trempelmarkt gehen sie nicht mehr. Die Stände nehmen dafür „professionelle“, also: berufliche Händler ein. Die halten dann das Billigste vom Billigen feil. Etwa Handtaschen für 5 € („Kauf 3! Zahl 10 €!“). Oder mit LEDs blinkende „Freundschaftsarmbänder“ direkt aus dem 1000er-Karton. Das Präsent eines solchen Armbands sollte in der Tat Grund genug sein, mit demjenigen niemals wieder ein Wort zu wechseln.

Ich war niedergeschmettert. Im Gegensatz zur gefühlten Mehrheit meiner Zeitgenossen habe ich dem Trempelmarkt nie wirklich etwas abgewinnen können. Aber was ich da jetzt sah, warf mich nieder.

Ganz schnell holte ich das Zeug, weswegen ich diese Reise auf mich genommen hatte, und fuhr schweigend wieder heim. Und was lehrt uns das Ganze?

Es lehrt, dass man nicht nur die Überschriften lesen soll, sondern den ganzen Artikel. Dann hätte ich nämlich erfahren, dass die U-Bahn erst ab Sonntag wieder ungehindert fährt. Und mir wäre diese Reise ins Land des Schreckens erspart geblieben.

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