Meine Quelle.

Die Quelle. „Nürnberg Quelle Großversandhaus 001“ von Janericloebe - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:N%C3%BCrnberg_Quelle_Gro%C3%9Fversandhaus_001.JPG#mediaviewer/File:N%C3%BCrnberg_Quelle_Gro%C3%9Fversandhaus_001.JPG
Die Quelle.
„Nürnberg Quelle Großversandhaus 001“ von Janericloebe – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:N%C3%BCrnberg_Quelle_Gro%C3%9Fversandhaus_001.JPG#mediaviewer/File:N%C3%BCrnberg_Quelle_Gro%C3%9Fversandhaus_001.JPG

#552 Im Westen Nürnbergs steht, abgesehen vom Flughafen Berlin-Tempelhof, die größte Immobilie Deutschlands zum Verkauf. Jetzt sind einige junge Leute auf die Idee gekommen, das Ding zu kaufen. „Pizza, Cola, die Quelle und ein Yoghurt“ etwa könnte auf dem Einkaufszettel stehen. Nun wollen sie dafür, die Zeitungsartikel richtig verstanden, eine Art Crowdfunding benutzen, weil ihnen ohne Sicherheiten außer der Immobilie selbst freilich keine Bank auf der Welt das Geld dafür leiht.

Nun ist das mit dem Crowdfunding so eine Sache. Eigentlich kauft man etwas, was man eben erst zwei, drei Jahre später geliefert bekommt. So ist Crowdfunding etwa gut für eine Caffémaschine, in die man noch grünen Caffé einfüllt, der dann geröstet und aufgebrüht wird. Vorteil: Man umgeht die Caffésteuer von 2 € pro Kilogramm und fühlt sich echt töfte, so nahe an der Natur zu sein. Zahle heute, kriege deine Caffémaschine in zwei Jahren – das funktioniert. So kriegt das Unternehmen Geld in die Hand und diejenigen, die bezahlen, kriegen in zwei Jahren eine Caffémaschine, von der es heute heißt, daß sie quasi nicht zu reinigen sei. Sei’s d’rum.

Crowdfunding ist neu und ein tolles System für alle, die kein Geld von der Bank kriegen. Das sind teilweise unseriöse Ideen und teilweise hinken die Banken hinterher und verschlafen Entwicklungen; man kann Crowdfunding-Unternehmen nicht über einen Kamm scheren. Da sind gute Vorhaben darunter, die einfach zu modern für die Banken sind, und da sind Dummheiten darunter, für die kein nüchterner Mensch sein Geld gäbe.

Nun wollen aber diese jungen Menschen die Quelle kaufen und mit Crowdfunding bezahlen. Ob das bis zum Ende gedacht ist, darf bezweifelt werden. Zum einen ist es bei der Quelle ganz gewiß nicht damit getan, den Kaufpreis zu entrichten; man muß laufende Einnahmen erzielen, um den Unterhalt des Objekts – beispielsweise eine eigene Feuerwehr – zu bezahlen. Gerüchtehalber ist zu vernehmen, dass da etwa 60.000 € monatlich fällig werden. Woher nehmen, wenn nicht crowdfunden?

Das Problem ist nicht, dass die jungen Leute schlechte Mieter wären. Sie sind gar keine Mieter. Sie bezahlen dort auf Quelle keine marktgerechte Miete. Das ist auch in Ordnung so. Wo sonst soll denn ein junger Bildhauer sein Quartier nehmen, wenn nicht dort? Wo soll ein junger Toningenieur arbeiten, wenn nicht hier? Die Mieten sind besonders billig, weil das Gebäude erst abgerissen werden sollte, weil es dann, als die Stadt Nürnberg die Uni erfolgreich vertrieben hat, kein Entwicklungskonzept gab. So quartierten sich die jungen Leute ein und machten aus der Quelle durchaus etwas, worin sich Leben tummelt. Es ist schon ganz gut, was die da machen; es rechnet sich nur nicht. Alle Mieter des Quelle-Areals zusammen zahlen nicht genug Miete, als dass man wenigstens die Frostschutz-Heizung bezahlen könnte, von allem anderen ganz zu schweigen.

Und genau darin liegt das Problem. Um mal einen Linken zu zitieren, im konkreten Fall Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Die mögen ja in dem, was sie machen, gut sein, die jungen Leute. Und die mögen ja auch via Crowdfunding das Geld zusammen bekommen, um die Quelle zu kaufen. Mag alles sein. Aber sie werden das Objekt nicht bewältigen, nicht stemmen. Hier wird eine Mauer einsturzgefährdet sein, da wird ein Aufzug die TÜV-Prüfung nicht mehr bestehen, dort werden Frostschäden auftreten. Und am Ende werden sie bei der Stadt Nürnberg vorstellig werden, werden sie den Stadtoberen auf der Nase herumtanzen und Unterstützung einfordern. Nicht etwa deswegen, weil sie es heute schon darauf anlegten. Das zu unterstellen, würde bedeuten, ihnen schlechte Absichten vorzuwerfen, und dafür besteht nicht der mindeste Anlass. Nein, es geht vielmehr darum, dass eine Notlage entstehen wird, in der sie gar nicht anders können als um Hilfe zu rufen. Schon das Crowdfunding ist letztlich eine Art Hilferuf.

Nürnberg könnte eine so schöne Sache auf dem Quelle-Areal haben – oder, genauer: könnte gehabt haben. Der Zug ist abgefahren, weil die Stadt sinnloserweise an etwas festhielt, was bei jeder U-Bahn-Durchfahrt wackelt, nämlich dem Quelle-Gebäude. Und jetzt steht die Stadt da und schweigt und sieht das Unheil auf sich zu kommen. Und die jungen Leute stehen da und vertrauen sich, weil sie nicht weiter wissen, dem Netz an. Das ist keine schöne Gemengelage. Und was macht der Herr Oberbürgermeister?

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