Die vegane Kärwa. Mit Karpfen.

Vegan. „Porridge“ von VirtualSteve - own picture/en.wikipedia.org. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Porridge.jpg#mediaviewer/File:Porridge.jpg
Vegan.
„Porridge“ von VirtualSteve – own picture/en.wikipedia.org. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Porridge.jpg#mediaviewer/File:Porridge.jpg

#551 Da es nichts gibt, was es nicht gibt, lassen manche sich wirklich etwas Besonderes einfallen, um es in die Zeitung zu schaffen, auf dass man über sie berichte und staune.

Da gibt es das Dörflein Erlabronn. Das klingt fränkisch, urfränkisch gar, und das ist es wohl auch. In Erlabronn gibt es, immerhin, achtzig Einwohner. Achtzig! Das sind potentiell etwa fünfzig Kärwabesucher (Alte, Kleinkinder und Kärwa-Unlustige scheiden aus). Ich nenne das nicht Kärwa. Für mich ist das ein Nachbarschaftsfest oder ein Straßenfest. Erlabronn liegt im Schatten des Hutzelsbergs – der heißt wirklich so – und ist ein Ortsteil von Scheinfeld in Unter Mittelfranken. Es gibt tatsächlich eine Kirche in Erlabronn, und somit ist die wichtigste Hürde zu einer Kirchweih auch schon im Sauseschritt genommen. Allerdings haben unsere Altvorderen es versäumt, anläßlich der Weihe der Kirche auch ein Fest zu veranstalten, also eine Kirchweih, fränkisch Kärwa genannt. Das macht nichts, haben sich die Erlabronner wohl gedacht – zumindest diejenigen, die in einem der beiden Erlabronner Vereine Mitglied sind. Die Rede ist nicht vom Feuerwehrverein Erlabronn, sondern vom Geselligen Verein Erlabronn und Umgebung e.V.; wobei wir besonders auf die „Umgebung“ hinweisen möchten.

Dieser GV-EU , wie wir ihn mal nennen wollen, hat vor 29 Jahren die Kirchweih in Erlabronn auf die Beine gestellt, immerhin eine Leistung. Der wohlmeinende Leser möge sich vor Augen halten, wie schwer es ist, etwas auf die Beine zu stellen, und eine Kirchweih gleich gar. Seit 1985 also streben alljährlich Jung und Alt von Nah und Fern nach Erlabronn. Möchte man meinen.

Aber ach, weit gefehlt. Es strebten nicht genügend Menschen nach Erlabronn. Und 50 Kärwa-Freunde alleine reichen nicht, um ein dreitägiges Fest auf die Beine zu stellen. Der normale Franke als solcher wäre nicht trinkfest genug. Der kleine Bergschein – in Erlangen Studierte wissen, wovon die Rede ist – ist leicht zu erhalten im Vergleich zum Erlabronner Kärwa-Schein.

Also kommt einer auf die Idee und beschliesst: „Wir kochen vegan!“. Als Franke muß man wissen, was „vegan“ bedeutet. Es bringt nicht nur ein Schäuferla-Verbot mit sich. Nicht nur der Schweinekrustenbraten ist außerdem verboten, sondern das ganze Schwein an sich. Auch die Sau. Also nix mit Schweinebraten, Bratwürste – weder fränkisch noch sonstwie. Schlimme Sache, das. Vor allem für die Besucher dieser „Kärwa“.

Aber nicht nur das unkoschere Fleisch ist verboten – auch das koschere Fleisch ist tabu. Kein Kalb, kein Rind, kein Lamm; weder Ente noch Gans dürfen den Teller zieren. Und nicht nur das. Auch die Pilze in Rahm sind verboten, oder Apfelstrudel mit Sahne, oder ein Big Mäc – denn vegan heißt: keine tierischen Produkte! Und Milch und Sahne und Käse sind nun einmal tierische Produkte.

Nun sind wir Franken bodenständige Menschen. Dieser Satz gilt auch für die Veganer unter uns. Und diese Eigenschaft verbindet sich mit einer anderen urbayerischen oder fränkischen – ganz wie Sie wollen – Eigenschaft: dem Hang zum „Leben und leben Lassen“, der Libertas Bavariae. Und also weil der fränkische Veganer ahnt, wenigstens ahnt, dass seine Lebensweise nichts ist (um es mal ganz sanft zu sagen), lässt er das zu, was in allen Zeiten und in allen Lebenslagen der Nachweis von Intelligenz war und ist: den Zweifel.

Und also da er es für möglich hält, im Irrtum zu sein, korrigiert der vegane Erlabronner seine vegane Kirchweih – den eben dies hat er beschlossen, eine vegane Kirchweih! – und liefert seinem veganen Defizitfutter einen gebackenen Karpfen hinterher.

Und eben dies macht mich ratlos. Ich esse – zum Beispiel – durchaus gerne einen grünen Salat. Soll ich jetzt immer dann, wenn ich einen grünen Salat esse, ein „Veganer-Festival“ ausrufen? Wahrlich, nichts und niemand is(s)t weniger vegan als ich. Daher unterlasse ich solchen Etikettenschwindel. Und rufe nicht ein Wochenende zum „Veganer-Wochenende“ aus, weil ich vor der gebratenen Ente einen grünen Salat esse. Aber ich komme damit auch nicht in die Zeitung.

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