Der Gutmensch tobt sich aus

NN

#549 Wir leben in merkwürdigen Zeiten. Einerseits gibt es riesige, ernsthafte Probleme – andererseits scheint unser größtes Problem die Beschäftigung mit Zweitrangigem zu sein. Und: die Forderungen laufen gerne darauf hinaus, dass wir uns bloß nicht deutlich für oder gegen etwas aussprechen. Wir sprechen von der Leserbriefseite der NN.

Da finden sich fünf (fünf!) Leserbriefe, die sich dagegen wenden, dass wir mit Putin böse sind. Nun kann man über die Regierung der Ukraine denken, was man mag; man kann von der Absetzung des rechtmäßig gewählten Präsidenten Janukowitsch denken, was man mag – aber das alles, jeweils in kritischster Form überprüft, gibt Putin kein Recht, von außen die Grenzen der Ukraine zu verändern. Es mag stimmen, wenn ein Leserbriefschreiber von einem „korrupten und bankrotten Regime“ in Kiew spricht. Aber wenn das Kiewer Regime schon so genannt wird, welche Worte bleiben dann noch für Moskau? „Korruptest“ und „bankrottest“ sind sprachlich schlecht und inhaltlich wertlos. Man muss schon respektieren, wohin einen eine Argumentation führt. Wer Kiew ablehnt, weil es kein sauberer Rechtsstaat sei, muss Moskau aus demselben Grund noch viel mehr ablehnen.

Die NN ergreift mal wieder Partei – gegen die Union, natürlich. Links auf der Leserbriefseite heißt es „Tatsächlich wählten nur 19 Prozent CDU“, rechts heißt es über die CSU „Partei der Selbstbediener“. Komisch; warum heißt es nie „Nur 6 % wählen die SPD“ oder, über die SPD, „Partei der Trunkenbolde“? Weil die NN eben die NN ist: einseitig, durch die rosarote Brille schauend. Aber die NN sollte auch bedenken, dass sie mit ihrem Bashing gegen die Regierungspartei auch die Regierung auf die falsche Art angreift und dadurch den Staat und deswegen mitverantwortlich dafür ist, dass mehr Menschen an den menschengemachten Klimawandel oder an Horoskope oder an Engel glauben (diesen Aberglauben unterstützt die NN sehr wohl!) als der Bayerischen Staatsregierung vertrauen. Beides ist nicht gut.

Apropos menschengemachter Klimawandel: Wir verbrauchen zuviel Energie, sagen die einen (bevorzugt die, die schön im Warmen sitzen). Mag sein (ich glaub’s nicht, aber lassen wir das mal als Meinung stehen). Nun ist ein wichtiger Teil der Energie der Strom. Der Strom muss zu den Menschen. Und das macht man nun einmal per Kabel. Aber ach – der Bund Naturschutz, Sektion Hof, hat ermittelt, dass Jahr für Jahr 30 Millionen Vögel gegen Stromleitungen prallen und tot sind. Einer brachte sogar einen vor zwei Jahren (!) solcherart gestorbenen Storchen mit, um zu zeigen, wie böse Stromleitungen sind. Muß ganz ordentlich gestunken haben. Das heißt, dass in Bayern pro Tag (!) etwa 8.000 Vögel auf diese Art sterben. Komisch – ich habe das noch nie gesehen. Das zeigt uns dreierlei: Erstens, dass unsere norditalienischen Bauern, die früher gerne Vögel fingen, dumm waren, denn sie haben es mit Netzen versucht. Hätten sie mal auf den BUND, Sektion Hof gehört, dann hätten sie gewusst, wie es geht: mehr Stromleitungen müssen her! Zweitens, dass die Evolution offenbar nicht schnell genug voranschreitet. Während Kühe vor 100 Jahren noch vor dem Schatten von Zeppelinen davon liefen und das heute nicht mehr tun (nicht nur mangels Zeppelinen, sondern weil sie gelernt haben), attestiert der BUND den Vögeln offenbar, dass sie dumm sind und nichts lernen. Stromtrassen gibt es schon länger als Zeppeline. Nun, dumm mögen sie ja sein. Aber sie sind, als Nachfolger der Dinosaurier, schon recht langlebig und werden auch uns Menschen überdauern. Und wir können, schon aus landschaftsarchitektonischen Gründen, nicht an jede Stromtrasse „Vogel! Nicht hier entlang“-Aufkleber pappen. Drittens stimmt die Zahl einfach nicht. Wir werden mit diesem Problem leben müssen. Und können. Niemand hat jemals gesagt, dass wir die Erde nicht verändern dürfen. Wir müssen und dürfen sie verändern. Manche Tiere kommen damit nicht zurecht, andere sehr gut. Manche Tiere werden dadurch weniger, andere werden mehr. Such is life.

Zurück, auch wenn es schwer fällt, auf die Leserbriefseite der NN. Dort heißt es „Deutschland ist mitverantwortlich“. Weiter als bis zu dieser Überschrift braucht man gar nicht zu lesen. Es ist seit eh und je der erste Trick der Gutmenschen, uns selbst für was auch immer für verantwortlich zu erklären. Das heißt nicht, dass es keine wirklichen Verantwortlichkeiten gibt, aber eben nicht für alles und jedes. Und es heißt eben gerade nicht, wenn man für etwas verantwortlich ist, dass man sich aus einem Konflikt – hier geht es um die Kurden – heraushält. Dann wird man seiner Verantwortung gerade nicht gerecht, wenn man sich feige raushält. Der eine Leserbriefschreiber vermisst ein „Zugehen auf die türkische Regierung“. Ach. Ich glaube, daß wir Herrn Ministerpräsident-Präsident Erdogan wahrlich genug entgegen kamen und er es uns mit Hochnäsigkeit, unsagbaren Auftritten in Fußballstadien und grässlicher Politik dankte. Wie der andere „lupenreine“ Demokrat Putin, der nach Belieben vom Präsidenten zum Ministerpräsidenten wechselt, hat auch Erdogan vor allem eins gezeigt: dass er kein Demokrat ist. Denn ein Demokrat weiß, von wem er sein Amt hat (nämlich vom Volk und nicht von Gottes Gnaden) und er weiß, dass er es nur auf Zeit hat (und nicht für immer, Ihr Herren Putin und Erdogan). Aber diese Wahrheit ist wohl zu simpel, als dass sie in den NN Widerhall fände.

Und also schließe ich die Zeitung für heute. Sie schreibt mehr und mehr an den Menschen vorbei, aber das macht nichts.

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