Nürnberg, meine Provinz

Das hätten diese Herren auch nicht gedacht, dass sie nur billige Versatzstücke bei einem Fahrrad-"Ivent" sein dürfen... © 2014 André Freud
Das hätten diese Herren auch nicht gedacht, dass sie nur billige Versatzstücke bei einem Fahrrad-„Ivent“ sein dürfen…
© 2014 André Freud

#546 Um das vorweg zu schicken: ich mag mein Nürnberg. Freilich, wie das manchmal so ist in der Liebe: Dieses Nürnberg gibt mir auch reichlich Grund, es ganz und gar nicht zu mögen, ab und an.

Eines jedoch muss ich zugeben: wir sind Provinz, tiefste Provinz. Die örtliche Presse gerät vollends aus dem Häuschen, weil hier die neunhundertplusx-ste Folge von Tatort gedreht wird. Eigentlich peinlich genug, dass neunhundertirgendwas Folgen lang Nürnberg entbehrlich war, wie es auch auf den Karten beim Wetterbericht entbehrlich ist (da klafft zwischen Frankfurt und München nur ein großes Nichts). Was Städte wie Hamburg, Münster, Hannover, Stuttgart, Köln, Saarbrücken, Konstanz, München, Ludwigshafen, Dortmund, Frankfurt, Bremen, Leipzig, Kiel, Berlin, Wien, Luzern und Wiesbaden wacker ertragen haben, widerfährt also nun auch der Perle der Noris, und die NN stöhnt beinahe vor Wollust, wenn sie darüber berichtet. Das ist provinziell, und deswegen vielleicht gar das Gaudium dieses Blattes. Da wird sich ereifert, aufgeregt und echauffiert, wenn irgendwelche sogenannten Schauspieler über die Fleischbrücke stapfen, als sei es der einzige Zweck für die Erbauung dieses Bauwerks, dass einmal eine Tatort-Filmcrew samt Schauspieler darüber laufen kann. Herzlichen Glückwunsch, jetzt können wir ja die Fleischbrücke einreißen. Zweck erfüllt. Und die Brücke braucht eh keiner mehr; sie verstellt doch nur den Blick auf die Pegnitz. Oder wie?

Die Fleischbrücke. Eigentlich eines der großen Baudenkmäler Deutschlands, aber nach Abfilmung durch die Tatort-Crew nicht mehr vonnöten. © 2014 Andre Freud
Die Fleischbrücke. Eigentlich eines der großen Baudenkmäler Deutschlands, aber nach Abfilmung durch die Tatort-Crew nicht mehr vonnöten.
© 2014 André Freud

Es gibt – neben vielem anderen – noch einen zweiten Hinweis darauf, das Nürnberg Provinz ist, tiefste Provinz. Wenn die NN mit dem Stöhnen über die Tatort-Dreharbeiten fertig ist, stöhnt sie weiter über irgend so ein Ivent, wie der Schamberger Klaus so schön sagt, mit Fahrrädern am Hauptmarkt. In der Operette nennt man das Erscheinen eines Menschen auf der Bühne, der da plötzlich völlig sinn- und zwecklos singend und trällernd daher marschiert, den „Ich-bin’s-Auftritt“: „Ich bin die Christel von der Post“, und so. Und so vergnügen die Fahrradfahrer sich am mit zu groß geratenen Minigolf-Hürden vollgestellten Hauptmarkt, und letztlich machen sie doch nichts anderes als die Christel von der Post: Sie zeigen auf sich, machen sozusagen ein groß geratenes, inszeniertes Selfie, und finden sich knorke. Ich gratuliere zu diesem schönen Auftritt, stelle harmlos die Frage, ob die Kultur des Abendlandes sich darin erschöpft, zucke mit den Schultern und gehe, den Hauptmarkt meidend, meiner Wege.

Das ist es wohl, was Provinz ausmacht. Ich mag mein Nürnberg trotzdem.

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