Sauregurkenzeit

Saure Gurken. © CC-BY-SA 4.0 Raimund Spekking (Wikimedia)
Saure Gurken.
© CC-BY-SA 4.0 Raimund Spekking (Wikimedia)

#541 Um auch das mal deutlich zu sagen: ich finde „saure Gurken“ durchaus gut, seien es süßsaure schlesische oder ähnliche. Sie gehören zu den wenigen Gurken im Glas, die ich selbst kaufe. Insofern ist der Titel dieses Beitrags erläuterungsbedürftig. Viele Menschen sind im Urlaub, in Politik und Weltgeschehen passiert recht viel, die Zeitungsredaktionen bieten dem Leser jedoch aufgrund geplanten Urlaubs vorbereitete Dosenware oder Agenturmeldungen an und so weiter.

Üblicherweise liest einer wie ich lieber die NZ als die NN, der politischen Richtung wegen, und weil einer wie ich immer ein Herz für das vernachlässigte Kind hat, während sich alle Welt ums auffälligere Kind NN kümmert.

Aber heute hätte ich das mal lieber sein gelassen, heute wurde ich mit dieser Entscheidung nicht glücklich. Das fängt schon auf der ersten Seiten mit „Ging der Präsident zu weit?“, wo dpa (!) sich aufregt, dass Gauck deutliche Worte fand. Mit Recht wurde – ebenfalls auf Seite 1 – auf den Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hingewiesen, der gewitzt (also geistreich) eine klare Stellungnahme abgab. Als ehemaliger „Verteidiger“ – Schmidt war Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium – weiß Schmidt, was wir an Putin für ein Risiko haben.

Dann war da der Kommentar auf S. 2, in dem Martin Schnabenstiel mit den letzten Worten wieder einreißt, was er den lieben, langen Kommentar lang aufbaute. Gewiss hat er Recht, wenn er zu moderaten Tönen aufruft. Auch hat er Recht, wenn er uns Deutsche in der Gefahr sieht, als „hasenfüßige Appeasement-Befürworter dazustehen“. Aber dann macht er alle seine bedenkenswerten Gedanken damit kaputt, dass er zu guter Letzt feststellt, dass die russische Minderheit in der Ukraine wohl „den falschen Freund“ habe. Putin ist schlimmer als „der falsche Freund“. Man kann nämlich sehr wohl darüber reden, ob die Krim russisch sei – das ist sie auch, vermutlich, und Chruschtschows Akt, daß sie, schwuppdiwupp, zur Ukraine gehöre, war eine Entscheidung par ordre de Mufti, über die man sehr gut diskutieren kann. Aber Putin macht ohne jede Diskussion militärisch die Grenzen eines Staates, der ihn nichts angeht, kaputt und ordnet sie nach seinem Willen. Das geht nicht, und dafür gehört ihm auf die Finger gehauen, punktum. Natürlich ist es wahr, dass wir einen modus vivendi brauchen, eine Art des Umgangs mit der Sowjetunion Russland. Aber es ist, vergleiche den weiteren Kommentar auf S. 4, nicht nötig, dass ausgerechnet wir auf die „Gesichtswahrung“ von Putin achten. Er hat sich die Maske des „lupenreinen Demokraten“, wie mal ein SPD-Vorsitzender (Sie wissen schon, die „Friedenspartei“) ernsthaft sagte, selbst vom Gesicht gerissen und deswegen ist es an ihm, sich nach einer „Gesichtswahrung“ umzusehen; das geht uns nichts an und wir sind nicht Putins Büttel. Oder doch?

Mit der Überschrift, genauer: mit einem einzigen Wort, verraten sie sich: „Kiew wittert nur eine neue Falle Putins“. Es ist das „nur“, das alles sagt. Ohne dieses „nur“ wäre die Überschrift neutral und aussagestark gewesen, so ist sie ein marktschreierisches Tendenzsätzchen, das mehr über seinen Verfasser sagt als über die Lage im Osten. Ist jetzt Kiew schuld an allem, weil sie Putin ungerechtfertigterweise misstrauen und deswegen alles kompliziert machen? Ist Putin in Wirklichkeit ein edler Schlichter, der von der ganzen Welt nur missverstanden wird? Selten sieht man Propaganda so deutlich bei der Arbeit wie in diesem kleinen Wörtchen, übernommen von der dpa, abgedruckt in der NZ. Leider.

Und so geht es munter weiter, aber ich habe mich schon genug aufgeregt und will das nicht noch weiter treiben. Halt, eines noch. Ich bin einigermassen fleissig auf den gestrigen Artikel „Die Friedenspartei?“ angesprochen worden. Um das klar zu sagen: ich wende mich darin nicht gegen Überlegungen, ob die vorgesehenen Empfänger die richtigen seien. So bin ich beispielsweise gewiss nicht dafür, dass die PKK unsere Waffen erhält. Was aber mit menschlichem Anstand nicht vereinbar ist, und ich wiederhole meine heftige Wortwahl, ist, sich selbstgerecht und selbstzufrieden hinzuhocken und dem Hilfe Suchenden Waffen zu verweigern, weil man Waffen halt nicht mag. Das geht nicht. Ich kann nicht, eine Pistole im Halfter tragend, an einem vorbei gehen, der gerade ermordet wird, und ihm meine Waffe verweigern, um mich anschliessend mit „Gewissensqualen“ herauszureden.

Freilich: Wenn zwei, sagen wir mal: üble Typen sich bei mir auf der Straße ein Raufhändel bereiten, dann muss ich keinem helfen, dann muss ich nicht Partei ergreifen. Das ist schon wahr. Aber wenn, um im Bild zu bleiben, auf der Straße ein übler Typ die Oma Kruse überfällt und töten will, dann werde ich Oma Kruse das reichen, was sie braucht, um sich zu verteidigen – wenn ich schon, aus welchen Gründen auch immer, sie nicht selbst verteidigen will. Ich werde aber nicht zusehen, wie Oma Kruse niedergemetzelt wird, und anschließend selbstverliebt jammern, dass mir mein Gewissen nichts anderes erlaubte als feiges Nichtstun. Und ich werde gewiss nicht so schamlos sein, über den Leichnam von Oma Kruse hinweg so einen Blödsinn wie „Nichtregierungsorganisation“ und „Friedensarbeit“ zu salbadern, während mir ihr Blut noch die Füße nass macht. Nein, so schamlos will ich niemals sein. Schlimm, wenn andere es sind, und noch schlimmer, wenn sie sich auch noch etwas darauf einbilden.

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